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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER BESTE MAZURKATÄNZER

Heinrich VII. Reuß, war er zu Ruhe und Takt erzogen worden. Er nahm nieetwas übereifrig oder gar aufgeregt, aber alles achtsam und gewissenhaft.Als ich mir einmal heim Dechiffrieren einer Berliner Depesche einenFlüchtigkeitsfehler zuschulden kommen ließ, gab er mir einen scharfenVerweis, der mir für meine ganze dienstliche Zukunft nützlich gewesen ist.'0 1 - 17 } öaQEiq avd-Qcojioq ob jccuÖevezcu (Wer nicht geschunden wird, wirdnicht erzogen). Goethe hat diesen Vers als Motto vor den ersten TeilvonDichtung und Wahrheit gestellt. Ich halte diese Gnome desalten Menander aus Athen für eine der weisesten Lehren, die je erteiltwurden. Aus aufrichtiger Dankbarkeit und in verdienter Anerkennungseiner dienstlichen Eigenschaften habe ich als Reichskanzler den treff-lichen Alvensleben als Botschafter und gerade für Petersburg in Vorschlaggebracht.

Alvensleben hielt als mein Vorgesetzter auch darauf, daß ich fleißig inPrinz die Welt ging. Ich tanzte viel. Ich lernte bald die Mazurka, den NationaltanzFerdinand der Polen und Russen. Neben dem schon einmal von mir gepriesenenWittgenstein Menuett; und dem Walzer, den nur Barbaren mißachten können, erschienmir die slawische Mazurka als der schönste Tanz. Der beste Mazurkatänzerin St. Petersburg war weder ein Pole noch ein Russe, sondern ein Deutscher,der Prinz Ferdinand Wittgenstein. Er war ein Sohn des Prinzen Augustvon Sayn-Wittgenstein, der vor 1848 nassauischer Ministerpräsident undvom Mai bis zum Dezember 1849 sogar Reichskriegsminister gewesen war.Ganz international gesinnt, wie damals viele deutsche Standesherren, hatteer seine beiden Söhne Emil und Ferdinand in russische Dienste tretenlassen. Ihre schöne Mutter Franziska von Schweitzer war übrigens eineVerwandte des Sozialdemokraten Jean Baptiste von Schweitzer, der von1864 bis 1871 Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins war.Prinz Ferdinand Wittgenstein war trotz aller oder gerade wegen seinerExzentrizitäten in Petersburg sehr beliebt. Er hatte einmal gewettet, daßer in einer Troika von Petersburg nach Perm an der Kama, an der Grenzedes europäischen und des asiatischen Rußlands fahren und auf jeder Post-station einen großen Teller der überaus schwer verdaulichen russischen Nationalsuppe Badwinia zu sich nehmen, eine Flasche Wein trinken undein Mädchen umarmen würde. Er hat die Wette gewonnen. Sein ältererBruder, Prinz Emil Wittgenstein, war weniger originell, stand aber geistighöher. Er verband deutsche dienstliche Tüchtigkeit mit dershirokajanatura, der breiten russischen Art, die er in Rußland angenommen hatte.Er hatte während des polnischen Aufstandes von 1862 bis 1864 die In-surrektion in dem von ihm verwalteten russisch- polnischen Gouvernementmit Energie unterdrückt, aber die unterworfenen Rebellen vernünftig undhuman behandelt.