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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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SLAWISCHE FRAUEN

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Er war ein glänzender Causeur und wurde von Alexander II. , derfür Geist und Witz empfänglich war, öfters zur Tafel befohlen. Er war inerster Ehe mit einer reichen rumänischen Erbin, der Prinzessin PulcheriaKantakuzenos, vermählt. Nach ihrem Tode heiratete er eine bekanntepolnische Tänzerin, Mademoiselle Camilla Stefanska. Als eine prüdedeutsche Fürstin Emil Wittgenstein frug, wie er eine Tänzerin habe heiratenkönnen, entgegnetc er:Ist Ihnen die Antwort bekannt, die einst diehochselige Königin Friderike von Hannover auf eine ähnliche Bemerkungeiner ihrer Hofdamen erteilte ? Die hatte sich darüber aufgehalten, daß eineandere Dame des Hofes sich die Cour von einem Herrn machen ließ, derkeinen besonderen Ruf hatte. Die Königin frug die Hofdame, ob sie einVerhältnis mit jenem Herrn gehabt habe. Als die Frage entrüstet verneintwurde, meinte Ihre Majestät: ,Dann haben Sie über den Fall überhauptkein Urteil. 4 So sage auch ich: Wer Camilla nicht näher kennt, hat keinUrteil über meine Heirat.

Obwohl ich der Fürstin Y. fast täglich schrieb, war ich doch nichtunempfänglich für die Reize slawischer Frauen. Ich war offenbar noch zu Aristo-jung, um mich auf ein einziges Gefühl einstellen zu können. Und wenn ich kratinnenvon der moralischen Seite absehe, die ich als Siebziger natürlich andersbeurteile wie als Zwanzigjähriger, halte ich es für nützlich, daß ich schonfrüh Gelegenheit fand, an slawischen Frauen den russischen wie den pol-nischen Charakter zu studieren. Bismarck unterschied gern zwischenmännlichen und weiblichen Nationen. Zu den ersteren rechnete er dieDeutschen, die Engländer, die Skandinavier, die Holländer und Schweizer, auch die Türken, zu den letzteren die Romanen und Slawen. Die polnischePrinzessin R. war schlank und biegsam wie eine Weidengerte, brünett mitgroßen, erstaunten Augen, phantastisch, verwegen, im Guten wie imweniger Guten zu vielem fähig. Sie war kaum achtzehn Jahre alt. Fünfzehn-jährig war sie mit einem sehr unbedeutenden Mann verheiratet worden.

Ich habe von ihr gelernt, daß die Polen, und ich sage es zum Lobe der Polen, an leidenschaftlichem Patriotismus nur von den Franzosen übertroffenwerden. Ich habe auch von ihr gelernt, daß der Pole in dem Deutschenimmer seinen einzigen wirklichen Feind sehen wird. Daß die Prinzeß R. mirdas offen sagte, obwohl sie die Güte hatte, zu meinen Gunsten eine fürmich persönlich schmeichelhafte Ausnahme zu machen, gab ihrem Urteilbesonderen Wert.

Was auch Pedanten sagen mögen, man lernt aus dem Leben mehrals aus allen Büchern, selbst aus solchen, die auf Grundwissenschaft-licher Forschung entstehen. Die Gräfin T., eine Russin, einige Jahreälter als ich, war nicht weniger reizvoll und doch anders. Ihr Gatte warnicht so einfältig wie der Prinz R., dagegen selbst für einen Petersburger

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