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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EINE AUSSERORDENTLICHE MISSION

Als er in Wien als Botschafter zurücktreten mußte, um Phili EulenburgPlatz zu machen, lud ich ihn ein, die ersten Wochen nach seinem Scheidenaus dem Dienst mit seiner Frau bei uns im Palazzo Caffarelli zu verleben,in der Stadt, die wie kaum eine andere Resignation lehrt und erleichtert.Außer meinem alten Kriegsobersten, dem Feldmarschall Loe, hat sich übermeinen Aufstieg zum Reichskanzler niemand mehr gefreut als Reuß . Alsich 1906 im Reichstag von einer Ohnmacht befallen wurde, lag der in-zwischen einundachtzig Jahre alt gewordene Prinz Heinrich VII. Reuß imSterben. Fast seine letzten Worte im Leben waren, daß er seine Söhnebeauftragte, mir seine herzlichsten Wünsche für meine baldige Wieder-herstellung und für mein langes Bleiben im Reichskanzleramt auszusprechen.Nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem für das Land. Ich werdediesem nicht nur durch seine Geburt, sondern vor allem als Charakterhochstehenden, durch und durch edlen Mann bis an mein eigenes Ende eindankbares Andenken bewahren.

Der Fortgang des Prinzen Reuß von St. Petersburg wurde dort allgemeinJosef bedauert. Er wie Alvensleben waren in der russischen Gesellschaft beliebt. Radowitz unc l genossen Vertrauen. Dagegen war die 1875 erfolgte, vielbesprocheneEntsendung des Geheimen Legationsrates von Radowitz in besondererMission als außerordentlicher Gesandter nach St. Petersburg ein Fehlschlaggewesen. Fürst Bismarck, seit der Krieg-in-Sicht-Episode vom Frühjahr1875 schwer gereizt gegen Gortschakow, hatte gefunden, daß Prinz Reußden alten russischen Kanzler zu sehr mit der Court.oisie eines immerhöflichen Grandseigneurs behandele, während Alvensleben in Gortschakowmehr als erforderlich den dienstlich über ihm stehenden Kanzler erblicke.Radowitz sollte Gortschakow einmal recht deutlich werden. Josef vonRadowitz, noch jung, sehr ehrgeizig, hatte, von kühnem Mut beflügelt,beglückt in seines Traumes Wahn, die ihm übertragene Mission mit Wonneübernommen. Es trat hinzu, daß er, der mit einer Tochter des russischenGesandten in München, Ozerow, verheiratet und der Schwager eineshöheren Beamten im russischen Ministerium des Äußern, eines HerrnPetersen, war, wegen dieser russischen Verwandtschaften an der Newa einerglänzenden Aufnahme sicher zu sein glaubte. Es kam leider anders, ln denPetersburger Salons wurde Radowitz kühl empfangen.Nous ne voulonspas faire des infidelites a ce bon Alvensleben ni au tres sympathique PrinceReuß, meinten die in jener Zeit an der Newa noch sehr maßgebendeneleganten Frauen, die Femmes huppees. Der Zar nahm kaum Notiz vonRadowitz. Sein Kanzler zeigte sich mehr als kühl. DieaußerordentlicheMission war ein Fiasko.

Zu Ehren des scheidenden Botschafters Reuß fand Ende März 1876 beiden russischen Majestäten ein Abschiedsdiner en petit cercle statt, zu dem