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auch ich befohlen wurde. Das Diner wurde in einem kleineren Saal des Abschieds-kaiserliclien Palais serviert. An der Wand hing, als einziger Schmuck, ein diner für denBild: Parade auf dem Tempelhofer Feld. Kaiser Wilhelm I. führt seinem ^ rm “ en R eu ßNeffen, dem Kaiser Alexander II., dessen preußisches Regiment vor, dasKaiser-Alexander-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1. Wenn der hoch-gewachsene, sehr gut aussehende Alexander II. bei einer Parade einenbrillanten Eindruck machte, so war es andererseits schwer, sich in kleinemKreise seinem Charme zu entziehen. Ohne sich etwas zu vergeben, war ernatürlich, einfach und liebenswürdig. Seine Konversation war die einesWeltmannes, interessant, nicht ohne Geist. Er war ein Causeur. Er war vorallem ein vollkommener Gentleman. Das war Franz Josef auch, aberAlexander II. war geistig bedeutender als sein Wiener Kollege. Gewiß warer nicht so glänzend begabt wie Wilhelm II., aber er hatte einen besserenGeschmack und mehr Takt. Die Gerechtigkeit erheischt, anzuerkennen,daß kein anderer russischer Herrscher so viel für sein Volk und für denFortschritt seines Landes getan hat wie Alexander II. Rußland verdanktihm die Aufhebung der Leibeigenschaft, eine der größten sozialen Maß-nahmen aller Zeiten, eine Gerichtsreform nach europäischem Muster, einefreie Kommunalverwaltung, Steuererleichterungen, große Verbesserungenim Schulwesen, eine Milderung der Zensur, die zu einer früher für unmöglichgehaltenen Preßfreiheit führte, die allerdings in erster Linie den chau-vinistischen Panslawisten zugute kommen sollte. Neben Alexander II. hatteseine Gemahlin, die Kaiserin Maria Alexandrowna, etwas Mißmutiges,
Gedrücktes, Still-Pikiertes. Obwohl damals erst fünfzig Jahre alt, war sieschon völlig verblüht. Auch wer nicht gewußt hätte, daß sie seit fünf Jahreneine glückliche Nebenbuhlerin hatte, würde ihr die wenn auch nicht ver-stoßene, so doch vernachlässigte, zurückgesetzte und als lästige Fesselempfundene Ehefrau angesehen haben. Und doch war ihre Heirat mit demdamaligen Cäsarewitsch Alexander Nikolajewitsch eine Liebesheirat gewesen.
Als der künftige Kaiser Alexander II. 1840 eine Rundreise bei den deut-schen Höfen angetreten hatte, um sich nach dem hundertfünfzigjährigenUsus seines Hauses in dem „deutschen Gestüt“, wie sich der Reichsfreiherrvom Stein kräftig ausdrückte, eine Lebensgefährtin auszusuchen, hatte ihnin Darmstadt die kaum sechzehnjährige Prinzessin Marie von Hessen-Darmstadt bezaubert. Er verhehlte dem russischen Gesandten in Darmstadt, dem späteren Botschafter in Berlin, Herrn von Oubril, nicht den günstigenEindruck, den die anmutige Prinzessin auf ihn gemacht hatte. Oubrilstimmte freudig in das Lob ein, das der Cäsarewitsch den Reizen derPrinzessin Marie spendete. Aber er machte gleichzeitig ehrerbietig auf ein,wie er meinte, ernstes Ehehindemis aufmerksam. Jeder Mann in Darmstadt wisse, erklärte er dem Thronfolger, daß der wirkliche Vater der Prinzessin