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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KATHARINA DOLGORUKIJ

Marie und des Prinzen Alexander von Hessen nicht der hochselige Groß-herzog Ludwig II. sei, sondern der großherzogliche OberststallmeisterFreiherr August Senarclens von Grancy. Unmutig erwiderte der Cäsare-witsch:Steht die Prinzessin Marie im Gothaischen Genealogischen Hof-kalender? Als der Gesandte diese Frage bejahte, meinte der verliebteThronfolger:Alors, de quoi vous melez-vous, imbeeile (durak)? In derrussischen Kaiserfamilie war die Abstammung der späteren KaiserinMaria Alexandrowna und des Prinzen Alexander von Hessen von demschönen Oberststallmeister wohlbekannt. Als ich, damals Botschaftsrat inSt. Petersburg , 1885 oder 1886 einmal mit dem Großfürsten und der Groß-fürstin Wladimir von Zarskoje Selo nach Petersburg fuhr und der Groß-fürst, der wie gewöhnlich sehr spät zu Bett gegangen war, unterwegs ein-schlief, machte mich seine Frau auf sein gut geschnittenes Antlitz und seineGesichtszüge aufmerksam, die fast etwas Klassisches hätten. Man sehe,meinte sie, daß ihr Mann nicht der Enkel des berühmt häßlichen Ludwig II. von Darmstadt sei, sondern desschönen Grancy. Übrigens seien dieGrancy eine gute Familie. Die Familie Senarclens von Grancy ist in derTat eine sehr gute Familie. Sie stammt aus dem Waadtland, wo, nicht weitvon Lausanne , ihr Stammschloß steht.

Die 1841 abgeschlossene Ehe zwischen Alexander II. und MariaAlexandrowna war während mehr als zehn Jahren glücklich gewesen.Aber die Kaiserin war von Hause aus kränklich. Sie hat das naßkaltePetersburger Klima nie recht vertragen. Sie hatte dem Kaiser fünf großeund starke Söhne und eine stattliche Tochter geboren. Auf Rat der Ärztemußte sie seit der 1880 erfolgten Geburt ihres jüngsten Sohnes, des imLaufe der russischen Revolution 1919 in der Peter-und-Paul-Festung inPetersburg von den Bolschewisten erschossenen Großfürsten Paul Alexandro-witsch, ein zurückgezogenes Lehen führen, das Leben einer Monaca di casa,wie man in Sizilien eine Frau nennt, die auf alle irdischen Genüsse ver-zichten muß. Seitdem entglitt ihr der Kaiser. Er verliebte sich in einganz junges Mädchen, die Prinzessin Jekaterina Michailowna Dol-gorukij. Ihre Eltern gehörten dem ältesten russischen Adel an, erfreutensich aber keines besonderen Rufes. Die Mutter galt für eine Intrigantin, derVater für einen Taugenichts. Kaiser Alexander hatte die kleine Katharinazum erstenmal in Smolny erblickt, in dem Adligen-Fräulein-Stift, das dieKaiserin Maria Feodorowna, die Witwe des Kaisers Paul, dort nach demVorbild von Saint-Cyr, der Schöpfung der Madame de Maintenon, insLeben gerufen hatte. Nebenbei gesagt, hat später, als die Bolschewisten dieMacht an sich gerissen hatten, die Tscheka ihr erstes Hauptquartier imAdligen Stift Smolny aufgeschlagen, was sich in den Tagen ihrer UnschuldJekaterina Michailowna wohl nicht träumen ließ. Als ich 1875 in Peters-