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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DIE KNUTE

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Für nichtpolitische Verbrechen trat an ihre Stelle die Knute. Die Beschrei-bung dieses Strafinstrumentes entnehme ich einer zeitgenössischen Schilde-rung russischer Zustände und Sitten unter Kaiser Nikolaus 1., deren Ver-fasser, I. C. Petri, weder ein böser Demokrat noch ein frecher Nörgler war.

Er schilderte die Knutenstrafe wie folgt:Die Knute ist eine höchstschmerzhafte Strafe. Die Knute ist eine etwa fünf Fuß lange und ein halbesPfund schwere Peitsche. Sie besteht aus einem zwei Schuh langen Riemenvon Juchtenleder von der Dicke eines Talers, am Stiel acht, an der Spitzedrei Linien breit. Um diesen Riemen recht hart und einschneidend zumachen, wird er in Milch geweicht und dann in der Sonne getrocknet, wo-durch er recht elastisch wie Flora und Pergament wird. Vermittels einereisernen Zwinge ist er an einen starken Stiel befestigt. In der Hand einesgeschickten Knutenmeisters kann der Missetäter mit sechs bis acht Hiebenzu Tode gepeitscht werden, wenn die Schläge längs dem Rückgrate starkauffallen. Durch schwächeres Zuhauen kann der Mensch mit 150 bis 200Hieben zu Tode gemartert werden. Bei der Exekution tritt der Nachrichterhinter den Delinquenten, der mit entblößtem Rücken an einen schräg-stehenden Pfahl gebunden ist, und haut jedesmal im Sprunge, um demStreiche desto stärkeren Nachdruck zu geben, weshalb er auch vor jedemHieb einige Schritte zurücktritt. Der Knutenpfahl selbst besteht aus einemdicken und breiten Block oder einer dergleichen Bohle und hat oben einenhalbrunden, auf beiden Seiten aber vier solcher Einschnitte, in welche derKopf, die Arme und die Beine mit Riemen oder Stricken ein geschnürtwerden, wodurch alle Muskeln des Rückens ihre stärkste Ausdehnung er-halten. Die Brutalität des bolschewistischen Rätesystems konnte sich ander nicht minder verruchten Grausamkeit des altrussischen Regiments einVorbild nehmen.

Meine Zuteilung zur Petersburger Botschaft war von Anfang an als eineprovisorische gedacht gewesen. So mußte ich denn Ende April 1876 nach Fürstfünfmonatigem Aufenthalt die russische Hauptstadt verlassen. Vor meiner GortschakowAbreise ließ mich der Reichskanzler Fürst Gortschakow zu sich bitten.

Er empfing mich in einem überheizten Zimmer, in einem wattierten, sehreleganten Schlafrock. Er klagte mir über eine heftige Erkältung, die ihnans Zimmer fessele. Hinter Brillengläsern blickten mich kluge, noch mehrschlaue als kluge Augen an. Haltung und Manieren waren die eines Grand-seigneurs. Der Ausdruck des Gesichtes war materiell, sinnlich, fast gemein.

In einem sehr gewählten, sehr gesuchten, affektierten Französisch sagte mirder Kanzler, er wolle mir Grüße für Berlin mitgeben.On me dit que vousavez beaucoup reussi dans notre societe. Je vous en felicite. Vous raconterezä Berlin lacceuil hospitalier, lacceuil charmant que les Allemands trouventchez nous. Cet acceuilest conforme auxrapports quiunissent si heureusement