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BISMARCKS LACKPOTTEN
traten und im Innern die Deutschen in Rußland und speziell den durchausloyalen baltischen Adel verfolgten. Sie hatte schon früh, schon als Bismarck von 1859 bis 1862 Gesandter in Petersburg war, den Genius in ihm erkanntund lud ihn häufig zu sich ein. Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitzerzählte mir aus dieser Zeit einen für Bismarck bezeichnenden Zug. Er warmit seiner Frau von der Großfürstin zum Abendtee eingeladen worden. Esentspann sich eine angeregte Konversation. Bismarck sprach lange,glänzend. Als er eine kleine Pause machte, sagte bei allgemeiner Stille seineFrau zu ihm: „Aber, Ottochen, warum hast du deine Lackpotten angezogen,wir sind ja nur ganz wenige Personen?“ Ohne eine Miene zu verziehen,antwortete Bismarck: „Du hast ganz recht, mein Herz, die Lackschuhewaren überflüssig.“ Dann fuhr er in der angefangenen Auseinandersetzungfort. Der Herzog Georg fügte hinzu: „Ich wußte nicht, was mir mehr gefiel,der unerschütterliche Aplomb des Mannes oder die unbefangene Natürlich-keit der Frau.“
Bei dem Herzog Georg begegnete ich mehreren russischen Generälen, ,Preußisch- die in der Zeit des Königs Friedrich Wilhelm IV. aus preußischen inrussische russische Dienste übergetreten waren, sich aber ein deutsches Herz bewahrtGeneräle hatten. Ich nenne unter anderen die Generäle von Erckert und vonSchack. Ich legte ihnen die Frage vor, ob sie an eine längere Dauer desautokratischen Regiments in Rußland glaubten. Sie antworteten mir, daßdieses Regiment an und für sich den Traditionen, Instinkten und Wünschendes russischen Volkes entspreche. Es könne sich lange halten, aber nur unterder Bedingung, daß nicht ein unglücklich verlaufender Krieg die Massenaufrüttele. Daß auch in Rußland Revolutionen nicht unmöglich seien,habe der Dekabristen- Aufstand von 1825 bewiesen, der fast zu einemliberalen Umschwung geführt hätte. In den letzten Regierungsjahren desKaisers Nikolaus und in der ersten Zeit des Kaisers Alexander II. habe dievon Alexander Herzen in London redigierte revolutionäre Zeitung „Kolo-kol“ in Rußland zahlreiche Leser gefunden und einen starken Einfluß aus-geübt. Der unglücklich verlaufene Krimkrieg habe das Ende des KaisersNikolaus, wenn nicht herbeigeführt, so doch beschleunigt und seinen Nach-folger genötigt, seine Regierung mit großen Reformen zu beginnen. Weitereunglücklich verlaufende Kriege könnten zu radikaleren Reformen undschließlich einmal zu einer wirklichen, ernsten und großen Revolutionführen. Diese Voraussage sollte sich nach dem Russisch-Türkischen Kriegevon 1877/78, in verstärktem Maße nach dem Russisch-Japanischen Kriegevon 1904/05 und schließlich und endgültig im Weltkrieg erfüllen.
Altere Russen konnten sich während meines ersten Aufenthaltes an derNewa noch sehr wohl an die Zeit der Knutenstrafe erinnern. Damalswurde die Todesstrafe nur für politische Sünden in Anwendung gebracht.