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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ZARIN MARIA

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Sarg legen lassen, der dann mit großem Pomp nach Petersburg überführtworden sei. Kaiser Alexander I. selbst habe sich in ein ganz entferntesKloster zurückgezogen, wo er als frommer, seine Sünden abbüßenderMönch noch viele Jahre gelebt habe.

Sobald er den Tod des Kaisers Paul erfahren hatte, war Graf Pahlen inalle Kasernen gefahren und hatte die Truppen dem Kaiser AlexanderPawlowitsch Treue schwören lassen. Dann suchte er die Witwe SeinerMajestät, die Kaiserin Maria Feodorowna, auf. Als sie den Tod ihres hohenGemahls erfuhr, machte sie ein sehr betrübtes Gesicht, faßte sich aber baldund erklärte Pahlen, sie setze voraus, daß, wie neununddreißig Jahre früherauf Kaiser Peter III. die Kaiserin Katharina gefolgt sei, so jetzt sie alsKaiserin Maria die Zügel ergreifen würde. Sie erwarte die Minister zumVortrag. Die Truppen möchten sofort vereidigt werden. Mit höhnischemLächeln erwiderte Graf Pahlen, daß die Truppen bereits dem KaiserAlexander Pawlowitsch Treue geschworen hätten und die Minister derBefehle Seiner Majestät harrten. Die Kaiserin verlor einen Augenblick ihrefürstliche Haltung und schleuderte dem Grafen Pahlen die Worte insGesicht:Vous avez assassine lEmpereur, votre Maitre. Als Graf Pahlensich stumm und kalt verbeugte, zog die ehrgeizige, stolze und schöne Frausich in ihre Gemächer zurück. Sie hat diese Enttäuschung innerlich nieüberwunden, obwohl Kaiser Alexander I. ebenso wie Kaiser Nikolaus , ihrebeiden Söhne, sie bis an ihr Lebensende mit ritterlicher Courtoisie behan-delten. Sie behielt als Kaiserin-Mutter den ersten Rang am Hofe, vor derregierenden Kaiserin, eine Rangordnung, die in Rußland eine stehendeblieb. Alexander I. übertrug ihr die Oberaufsicht über die von ihr schongegründeten oder noch zu gründenden Wohltätigkeitsanstalten und Er-zichungsinstitute, die bis zum Sturz des Hauses Romanow den NamenWohltätigkeitsanstalten und edle Stiftungen der in Gott ruhendenKaiserin Maria Feodorowna trugen. Kaiser Nikolaus bereitete ihr großesVergnügen, als er ihr nicht lange nach seiner Thronbesteigung das Garde-korps in Parade vorführte.

Die Schwiegermutter des Herzogs Georg von Strelitz, die GroßfürstinHelene Pawlowna , eine württembergische Prinzessin, war eine bedeu- Helenetende, geistig hochstehende Frau. Von ihr stammt das melancholische PawlownaWort, daß Petersburg die Stadt der feuchten Straßen und der kaltenHerzen wäre. Ihr Haus war schon in der harten Nikolaitischen Ära underst recht unter dem milderen Alexander II. ein Mittelpunkt für Gelehrte,

Künstler und alle Intellektuellen. Sie war durchaus liberal und unterstützte,wo und wie sie konnte, liberale Ideen und Reformen. Aber sie beklagte es,daß das junge Rußland, die russischen Liberalen, mehr und mehr über-spannten nationalistischen Ideen huldigten, nach außen chauvinistisch auf-