ALTÖSTEUREICH
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Sohn des großen Staatskanzlers und des schönen rotblonden FräuleinAntoinette von Leykam. Er selbst hatte als österreichischer Botschafterin Paris während zwölf Jahren, von 1859 bis 1871, mit Erbitterung diepreußisch Bismarcksche Politik bekämpft. Eine Dame, der Fürst Metter-nich gerade im Sommer 1866 nahegestanden hatte, erzählte mir später vonihm den nachstehenden kleinen Zug, der besser als die längsten Traktatedie liebenswürdige Frivolität des Altösterreichertums charakterisiert. AmVormittag des 4. Juli 1866 weilte Richard Metternich bei der in Redestehenden Dame, als ihn die Nachricht von einer vernichtenden Niederlagedes österreichischen Heeres erreichte, das sich, auf der ganzen Linie ge-schlagen, in vollem Rückzug befinde. Er erbleichte, faßte sich aber rasch,hob die Rockschöße, setzte sich auf das offenstehende Klavier und fuhr einpaarmal über die Tasten. „Schrumm, schrumm! Glücklich ist, wer vergißt,was doch nit zu ändern ist!“ Der Vater Klemens war, bevor er Minister desÄußern wurde, von 1806 bis 1809, österreichischer Gesandter in Paris . Alssolcher huldigte er der Königin Karoline von Neapel, der Schwester desgroßen Korsen. Der Sohn Richard huldigte der Kaiserin Eugenie. AlsThiers im Februar 1871 Präsident der jungen französischen Republikwurde, verlangte er die Abberufung von Richard Metternich , der zu intimmit dem bonapartischen Regime und der bonapartischen Partei liiert sei.Als Metternich sich von Thiers verabschiedete, blieb er mit seinen langenRockschößen in der Tür hängen. „Voyez, comme vous etes attache a laFrance“, meinte lächelnd Thiers, indem er die Rockschöße aus der Tür-angel befreite. „II vous fallait pour me detacher“, antwortete Metternich .
Der das habsburgische Reich regierende Hochadel ist während des halbenJahrhunderts, das Königgrätz vom Weltkrieg trennt, nicht viel ernstergeworden. Der k. und k. Minister des kaiserlichen und königlichen Hausesund des Äußern, Graf Leopold Berchtold, der Österreich-Ungarn im Hoch-sommer 1914 in den Weltkrieg gleiten ließ, verbrachte den ersten Winternach dem Zusammenbruch der Monarchie in einem eleganten Hotelder Schweiz , wo er unter den neugierigen Blicken der fremden Gästeund zum Erstaunen der biederen Schweizer mit Eifer Onestep undBoston tanzte.
Höfliche Würde, mit einer gewissen Zurückhaltung verbunden, zeigteauf jenem Empfang des neuen deutschen Botschafters der mächtigste Mannam Wiener Hof, der Erste Oberhofmeister Fürst Konstantin vonHohenlohe-Schillingsfürst . Er war der jüngste von vier Brüdern, dieich alle wohl gek ann t, habe. Der älteste, der Herzog Viktor von Ratibor,war preußischer Standesherr und Präsident des Preußischen Herrenhauses, der zweite, der Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, nach-einander bayrischer Ministerpräsident, deutscher Botschafter in Paris,