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ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein großer Herr vom Rhein ,aus dem „Reich“, Klemens Metternich, mit Österreich nicht nur Deutsch-land, sondern auch Europa führte. Und es war ebenso natürlich gewesen,daß nach der Revolution von 1848 ein hochfahrender böhmischer Kavalier,Fürst Felix Schwarzenberg, die alte Monarchie gegen Italiener , Magyarenund Preußen verteidigte. Andrässy besaß gesunden Menschenverstand,einen unbefangenen Blick für das Reale in der Politik, Courage und guteNerven. Es fehlte ihm nicht an Flair und auch nicht an Intuition. Erbesaß die „Kavaliers-Perspektive“, die Bismarck von dem Leiter einesgroßen Staatswesens verlangte. Aber es fehlte ihm an Gründlichkeit, bis-weilen auch an Stetigkeit. Er verachtete zu sehr die Kleinarbeit, die Be-schäftigung, die nie ermattet, die langsam schafft, doch nie zerstört. Er warungebildet, und als eine sehr gebildete Dame ihm das vorhielt, protestierteer: „Ich bin nicht so ungebildet, wie Sie glauben. Ich weiß zum Beispiel sehrgut, daß der ,Fiesco‘ von Goethe ist und der ,Tasso‘ von Schiller .“ GrafAndrässy hatte sich 1848 an dem Aufstand der Ungarn unter LudwigKossuth beteiligt. Er wurde nach der Niederwerfung der Insurrektion zumTode am Galgen verurteilt, und als es ihm gelang, rechtzeitig zu entfliehen,wurde wenigstens sein Name in Arad an den Galgen geschrieben, an demeine größere Anzahl ungarischer Rebellen baumelte. Ich habe aus seinemeigenen Mund das witzige Diktum gehört, der Kaiser Franz Josef habe ihnfrüher an einem hänfenen Strick aufhängen wollen, jetzt aber ihm dasGoldene Vlies umgehängt. Dabei deutete Graf Andrässy auf sein GoldenesVlies. Er erzählte oft, vielleicht etwas zu oft, daß ihm, als er nach derKapitulation von Vilagos über die türkische Grenze floh, ein österreichischerGendarm in den Weg getreten sei. „Ich zog meine Pistole und schoß ihnüber den Haufen, und jetzt bin ich k. und k. Minister des Äußern.“ Andrässygalt für überaus eitel. Aber seine Eitelkeit war so naiv, daß sie nicht ver-letzte. Ich erinnere mich, daß, als in einer Gesellschaft die Frau einesDiplomaten ihre Befriedigung darüber aussprach, daß sie die großenMänner des Jahrhunderts, Otto Bismarck und Richard Wagner , kennen-gelernt habe, er nicht ohne Pikiertheit frug: „Und ich? Halten Sie michetwa nicht für einen großen Mann?“ In die Rubrik der unschuldigenEitelkeit gehörte auch, daß er sich mit fast sechzig Jahren Haar undBackenbart pechschwarz färbte.
Er hatte bei seiner Ernennung die ausgesprochenen Preußenfeinde ausdem Ministerium entfernt, die alle aus dem „Reiche“ stammten und fast alleKonvertiten waren, die Meysenbug und Gagern, die Onno Klopp , Biege-leben und Blome. Auch der Pole Klaczko mußte gehen, den Beust heran-gezogen hatte. Er rächte sich durch das giftige Pamphlet „Les deuxChanceliers“, in dem er die Eifersucht Gortschakows gegen Bismarck