UNRUHE AM BALKAN
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aufstachelte und Bismarck diffamierte. Die einzige, freilich nicht allzu hoheSäule, die von der verschwundenen Pracht der Beustschen Ara zeugte, warder Sektionschef Freiherr von Hofmann . Er war ein so unverfälschterWiener, daß kein Österreicher ihm gram sein konnte. Als echter Wiener warer ein alter Drahrer, um mich wienerisch auszudrücken. Als alter Drahrerhuldigte er eifrig den Damen. Während ich in Wien an der Botschaftarbeitete, lag er einer schönen Schauspielerin zu Füßen, Fräulein J. ImFoyer des Burgtheaters wurde erzählt, daß, als sie ihn endlich erhört hatte,sie mit niedergeschlagenen Augen und ein wenig komödienhaft zu ihmsagte: „Ach, wie müssen Sie mich verachten!“ Darauf der alte Sektionschef:„Und Sie erst mich!“
Am 6. Mai 1876 ermordete in Saloniki der fanatisierte türkische Pöbelden deutschen und den französischen Konsul. Daß er sich gleichzeitig andem Deutschen und dem Franzosen vergriff, trug zur Einigkeit der Mächtebei. Vom 11. bis zum 13. Mai weilte Kaiser Alexander II. mit Gortschakow in Berlin, wo um dieselbe Zeit Graf Andrässy aus Wien eintraf. Am Tageihrer Abreise wurde in Berlin ein langes Memorandum ausgegeben, dassich mit den „beunruhigenden“ Nachrichten beschäftigte, die fort und fortaus der Türkei einliefen, und in dem offen ausgesprochen wurde, daß Ruheund Ordnung auf der Balkanhalbinsel nicht vollkommen wiederhergestelltwerden könnten, solange nicht der Herd aller Unruhen mit der BeruhigungBosniens und der Herzegowina erstickt würde. Am gleichen Tage hattebeim Fürsten Bismarck eine Besprechung stattgefunden, an der außer demFürsten Gortschakow und Andrässy mein Vater und Baron Jomini, dierechte Hand des alten Gortschakow, teilnahmen und zu der die Botschaftervon Frankreich, England und Italien gebeten worden waren. Jomini las dasMemorandum vor, über das die drei Kaisermächte sich geeinigt hatten.Gortschakow sprach die Hoffnung aus, daß die drei anderen Mächte bald-möglichst ihre Zustimmung aussprechen möchten, und erklärte als Ziel derPolitik der drei Kaisermächte den „verbesserten Status quo“. Bismarck betonte mit Wärme die Wichtigkeit der Übereinstimmung und Mitwirkungvon Frankreich, England und Italien, die denn auch am nächsten Tage demMemorandum beitraten.
Am 18. Mai hielt Andrässy im Budgetausschuß der Reichsratsdelegationeine lange Rede, in der er mit erheblichem Optimismus konstatierte, dereuropäische Friede sei durch das „Berliner Memorandum“ tatsächlichgesichert, die Teilnahme von Montenegro und Serbien an der Insurrektionsei verhindert. Er halte es für seine Pflicht, in erster Linie vor der „weit-verbreiteten Schwarzseherei“ zu warnen. Es grassierte also schon damalsjene Schwarzseherei, über die sich viele Jahre später Kaiser Wilhelm II. sosehr ärgerte, daß er erklärte, er dulde keine Schwarzseher und fordere sie