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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE NICHTINTERVENTION

alle auf, den Staub von ihren Füßen zu schütteln und sein Reich zu ver*lassen. In dieser Rede von Andrässy kam zweimal die Wendung vor, erbeabsichtige, sich mit den anderen Mächtenvon Fall zu Fall zu ver-ständigen, er treibe eine Politikvon Fall zu Fall. Eine witzige Wiener Schauspielerin, Fräulein G., übersetzte das ins Französische mitunepolitique de chute en chute. Sie meinte, sie hoffe, Andrässy würde nichtso oftfallen, wie sie in ihrem Leben gefallen sei.

Ende Mai entsandten wir ein deutsches Panzergeschwader nach Saloniki.

Abd-ul- Es war, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, das erstemal, daß deut-Hamid wird sehe Panzerschiffe in einer Frage der großen Politik eingesetzt wurden. ImSultan j un j wur( j e <J er Sultan Abd-ul-Asis entthront und tötete sich baldnachher mit einer langen Schere, die man ihm freundlicherweise gelassenhatte. Sein Nachfolger Abd-ul-Murad-Khan war ein so vollkommenerTrottel, daß er nach einigen Wochen durch seinen Bruder Abd-ul-Hamid ersetzt werden mußte. Der war ein Herrscher, wie sie in den letzten Zeitendes Byzantinischen Reichs auf dem Thron saßen: Halb schlauer Despot,halb närrisches Kind, eine originelle Mischung von List und Albernheit,feige und grausam. Er zitterte vor Verschwörungen und war immer vonsolchen bedroht. So hat er es zweiunddreißig Jahre getrieben.

Am 8. Juli 1876 fand im Schlosse Reichstadt eine Begegnung stattDit Entrevue zwischen dem Kaiser Alexander von Rußland, der den Fürsten Gor-von Reichstadt tschakow mit sich brachte, und dem Kaiser Franz Josef von Österreich, denGraf Andrässy begleitete. Das Ergebnis dieser Entrevue sollte von weit-gehendem Einfluß auf die Geschicke der Welt sein und auch mir in meinemspäteren amtlichen Leben noch ernstlich zu schaffen machen. Offiziöswurde über die Zusammenkunft zunächst nur verbreitet, daß Rußland undÖsterreich über das Prinzip der Nichteinmischung in die augenblicklichentürkischen Wirren übereinstimmten, sich aber vorbehielten, wenn dieKriegsereignisse eine Entscheidung herbeigeführt hätten, mit allen christ-lichen Großmächten ein vertrauliches Einvernehmen herbeizuführen. VonWien aus wurde betont, die Begegnung von Reichstadt habejede Gefahrbeseitigt, den Krieg über die bisherigen Grenzen nach Europa getragen zusehen. Am Abend der Zusammenkunft in Reichstadt telegraphierteAndrässy an den damaligen österreichischen Botschafter in London , seinenVorgänger Beust:Teilen Sie als Ergebnis der Reichstadter Begegnungdort vertraulich mit, daß wir mit Beseitigung aller neueren Vorschlägeübereingekommen sind, an Nichtintervention unter gegenwärtigen Ver-hältnissen festzuhalten. Erst wenn die Umstände es erfordern und wenn einkonkreter Fall vorliegen wird, soll ein weiteres vertrauliches Einvernehmenzwischen allen christlichen Großmächten eingeleitet werden. Beust er-widerte am nächsten Tage, daß Lord Derby diese Mitteilung mit lebhafter