BOSNIEN UND DIE HERZEGOWINA
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Befriedigung entgegengenommen und geäußert habe: Jetzt erst könne ererklären, daß kein allgemeiner Krieg zu befürchten sei, dessen Möglichkeitin England so sehr beunruhigt habe. Am Tage nach seiner Rückkehr vonReichstadt suchte Andrässy den deutschen Botschafter Stolberg auf, umihm vertraulich mitzuteilen, daß Österreich für den Fall eines russisch-türkischen Krieges wohlwollende Neutralität versprochen habe. Dafür habesich Rußland damit einverstanden erklärt, daß im Falle eines Orientkriegesdie Provinzen Bosnien und Herzegowina von Österreich-Ungarn besetztund verwaltet werden sollten.
Ich hatte mir nach meinem Eintreffen in Wien mit freundlicher Erlaubnismeines Vaters eine Lippizaner Fuchsstute gekauft, die ich jeden Morgenim Prater ritt. Ich begegnete dort nicht selten dem Grafen Andrässy. Erhatte Spaß an meiner Stute, die sehr flott ging. Er forderte mich nicht seltenauf, mit ihm zu reiten, wobei er sich freundlich mit mir unterhielt. AmMorgen nach seiner Rückkehr aus Reichstadt trafen wir uns wieder zuPferde. Mit sichtlichem Stolz, strahlend sagte er zu mir: „Stolberg wirdIhnen erzählt haben, daß ich mich mit den Russen arrangiert habe. Ichhabe nicht die Dummheit wiederholt, die Buol während des Krimkriegesmachte, wo er die Russen tief verletzte, ohne für Österreich einen realenVorteil zu erzielen. Die Erwerbung von Bosnien und der Herzegowina istin politischer, wirtschaftlicher und strategischer Hinsicht gleich erfreulichund wichtig. Namentlich Bosnien ist ein magnilikes, ein sehr entwicklungs-fähiges Land mit einer schön gelegenen Hauptstadt, Sarajewo . Wir knüpfenan die großen Traditionen von Prinz Eugen , dem edlen Ritter, an.“ Derk. und k. Minister ahnte nicht, daß in diesem „schön gelegenen“ Sarajewo ein Menschenalter später der Erbe der österreichischen Krone ein frühesund grausames Ende finden sollte. Er ahnte ebensowenig, daß diese Er-mordung der Ausgangspunkt für einen vierjährigen Krieg sein würde, einenWeltkrieg, den fürchterlichsten Krieg, der die Menschheit seit dem Dreißig-jährigen Kriege heimsuchte, und daß in diesem Weltkriege das alte habs-burgische Reich und mit ihm das Reich der Stefanskrone, Ungarn , und diemadj arische Vorherrschaft zugrunde gehen würden.
Die Türken haben die Ähnlichkeit mit manchen wilden Tieren, daß sietrotz einer gewissen Gutmütigkeit nach langer Passivität plötzlich in Türkischessinnlose Wut geraten können. Wie sie später, im 20. Jahrhundert, durch Blutbad inihre bestialische Niedermetzelung der Armenier viele Sympathien ein- Bulgarien büßten, so richteten sie im Juni 1876 in Bulgarien ein Blutbad an, das inEuropa große Erregung hervorrief. Namentlich in England entstand einungeheurer Lärm. Das englische Volk hat zweifellos menschenfreundlicheRegungen und Gesinnungen. Es gibt kaum ein Volk, das so allgemeiner undtiefer Entrüstung fähig wäre. Aber diese Entrüstung pflegt sich nur in einer