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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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WIEN

weniger liebenswürdig, als dieser gewesen sein soll. Makart war sehr ein-silbig. Als er einmal bei einem Souper eine Stunde lang neben der witzigenSchauspielerin Fräulein Gallmeyer gesessen batte, ohne den Mund aufzutun,sagte sie endlich zu ihm:Makart , sprechen wir von etwas anderem. Icherfreute mich an dem sprühenden Witz des alten Villers, der es in derdiplomatischen Karriere nicht weiter als bis zum Sekretär der SächsischenGesandtschaft in Wien gebracht hatte, der aber mehr Geist besaß alszwanzig Durchschnittsdiplomaten zusammen.

Unter den Freundinnen der Gräfin Marie Dönhoff erweckte die GräfinWiener Katinka Andrässy durch ihre Schönheit Aufmerksamkeit, durch ihrenGesellschaft starken und vorurteilslosen Geist Interesse. Sie hing mit großer Liebe anihrem Gyula. Die beiden waren sich zwanzig Jahre früher in Paris begegnet,Katinka als junge siebenbürgische Komteß Kendeffy, die viel auf derösterreichischen Botschaft verkehrte, Gyula als exilierter siebenbürgischerRebell, der von derselben Botschaft vigiliert wurde, die später von ihmErlasse und Instruktionen erhalten sollte. Eine andere interessante Dameim Salon der Gräfin Dönhoff war die Gräfin Marie Festetics, die intimeFreundin des Grafen und der Gräfin Andrässy und langjährige vertrauteHofdame der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Der österreichische Ge-schichtschreiber Heinrich Friedjung sagte mir später einmal, die GräfinMarie Festetics wisse mehr, Wichtigeres und Interessanteres über dieösterreichische Geschichte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr-hunderts als die ganze Wiener Kaiserliche Akademie der Wissenschaften.Häufige Gäste der Gräfin Dönhoff waren die vier Schwestern Liechten-stein, wie sie in Wien genannt wurden, die verwitwete Fürstin AnnaTrautmannsdorff, die Prinzessin Franziska Arenberg, die Fürstin MarieKinsky und die Fürstin Elise Salm. Namentlich letztere war meiner Frauund später auch mir bis zu ihrem bald nach meiner Ernennung zum Bot-schafter in Rom erfolgten zu frühen Tod eine treue Freundin. Sie war einejener Frauen, wie Wien sie hervorbringt, eine Frau von vollkommenerNatürlichkeit und angeborener Vornehmheit und deshalb von sicheremTakt, die Anmut mit originellem Geist verband, die vor allem, und zwarnicht nur in Worten, sondern wirklich, das vielgerühmtegoldene Wiener Herz besaß.

Ich durfte die Gräfin Marie Dönhoff von Zeit zu Zeit in den Stadtparkoder in den Volksgarten begleiten. Den Volksgarten hatte Kaiser Franz (Gott erhalte Franz den Kaiser) nach dem deutschen Befreiungskriege fürseine lieben Wiener angelegt. Diesen Beweis landesväterlichen Wohl-wollens erhielten sie im Jahre der Karlsbader Beschlüsse , der Einführung derZensur für Zeitungen und Bücher, der Auflösung der patriotischen Burschen-schaften und des Verbotes des Körper und Geist stärkenden Turnens. Trotz-