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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EINE FAHRT AUF DER DONAU

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dem scheint Altösterreich von der Überzeugung erfüllt gewesen zu sein, daßKaiser Franz ein großer Monarch war. Auf seinem Monument in der nichtweit vom Volksgarten entfernten k. k. Hofburg geleiten die Religion und derFriede, die Gerechtigkeit und die Tapferkeit den im prächtigen Ornat desOrdens vom Goldenen Vlies seinen Untertanen entgegenreitenden Herrscher.

Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe, Ackerbau und Viehzucht,

Berg- und Hüttenbau knien in Hochrelief zu seinen Füßen. Ein Mailänder,

Signor Marchese, ein Sohn derjenigen Stadt, die zuerst die Fahne des Auf-ruhrs gegen Altösterreich erheben sollte, formte das grandiose Monument.

Als Inschrift stehen auf der Vorderseite die Worte, mit denen das Testamentdesguten Kaisers Franz begann:Populis meis amorem meum. KaiserFranz , um dessen Erhaltung die österreichische Volkshymne in so rührendenTönen bat, war gewiß davon überzeugt, daß er trotz glatter Ablehnungaller konstitutionellen Wünsche und liberalen Ideen im Grunde rechtbeliebt sei.

Im Stadtpark hatte die Gräfin Marie Dönhoff Freude an den frischenRasenplätzen, am Schwanenteich, vor allem an den Blumenbeeten aufbeiden Ufern der anmutigen Wien, die innerhalb der Stadt in die Donau mündet. Sie blieb immer vor der Marmorstatue von Franz Schubert stehen,dessen Musik sie so sehr liebte. Ich freute mich ihrer Verehrung für dendeutschen Meister Schubert, ihrer Liebe für Bäume und Blumen wie ihrernie banalen und noch weniger gezierten, aber stets interessanten und geist-vollen Unterhaltung. Ich erinnere mich eines Ausflugs, der von Herren undDamen der Deutschen Botschaft mit einigen österreichischen Freunden undFreundinnen an einem schönen Julitage auf der Donau nach dem freund-lichen Nußdorf unternommen wurde. Die Gräfin Marie saß vorn im Schiff.

Die Sonne beleuchtete ihr süßes, noch kindliches und doch schon nach-denkliches Gesicht. Sie trug einen Florentiner Strohhut, der mit Kirschengarniert war. Ich stand in einiger Entfernung von ihr und konnte kein Augevon ihr abwenden. So werden meine Augen noch in meiner letzten irdischenStunde diese wunderbare Frau vor sich sehen, die einzige Frau, die ichwirklich geliebt habe.

Ich frage mich heute, wie es möglich war, daß so viel Liebreiz mich nichtschon damals stärker anzog. Ich stand wohl noch mehr, als ich glaubte, im Im Bann derBann der Fürstin Y., die mir fast täglich schrieb, leidenschaftlich, sehn- Fürstin Y.süchtig, immer melancholisch, oft zu Tode betrübt. Ich besuchte sie fastjede Woche von Wien aus auf ihrem Landschloß. Als ich im Herbst dortwieder einmal weilte, erhielt ich ein Telegramm meines Vaters aus Berlin ,in dem er mir den Wunsch ausdrückte, mich zu sprechen. Nach meinerAnkunft in Berlin musterte er mein Aussehen und fand mich blaß, auchheiser. Der von ihm befragte Hausarzt konstatierte einen Lungenspitzen-

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