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KONFLIKT
katarrh, der noch nicht sehr bedenklich sei, aber Schonung und Pflegeerheische. Am nächsten Tage fand eine nochmalige Untersuchung statt, diedamit endigte, daß der Arzt meinen weiteren Aufenthalt in dem zugigenund staubigen Wien für gefährlich erklärte und dringend zu einem baldigenund mehrwöchigen Aufenthalt am Genfer See oder, noch besser, an derRiviera riet.
Schmerzlicher als das Ergebnis dieser Konsultation war für mich, daßmein Vater bei dieser Gelegenheit zum erstenmal rückhaltlos meine allzuhäuflgen Besuche im Schlosse Y. zur Sprache brachte. Ich hätte nicht dasRecht, sagte er mir , ohne Schärfe, ohne ein verletzendes Wort für dieschöne Fürstin Y., aber mit tiefem Emst, eine von mir verehrte Frau zukompromittieren oder gar ihr Leben zu zerstören. „Von einer Heirat kannnatürlich nicht die Rede sein. Du bist weit jünger als die Fürstin Y. Dubist erst vor einem halben Jahr Legationssekretär geworden. Das bedeutetnocb keine Stellung, nicht einmal eine sichere Anwartschaft auf eine solchevor zehn bis fünfzehn Jahren. Du hast kein eigenes Vermögen. Du hast eineran Reichtum und Luxus gewöhnten, sehr verwöhnten Dame, die ein präch-tiges Schloß auf dem Lande, ein elegantes Stadthaus, die Diamanten undPerlen, die alles hat, was Menschenbegehr, außer deiner Verliebtheit garnichts zu bieten. Von deiner Christenpflicht will ich gar nicht reden. Aberdeine Pflicht als Ehrenmann ist, einer Frau, die du aus glänzenden Ver-hältnissen herausreißen würdest, ohne ihr eine gesicherte Zukunft bietenzu können, reinen Wein einzuschenken. Wahr sein — vor allem wahr gegensich selbst —, darauf kommt alles im Leben an.“ Mein Vater verlangte vonmir mein Ehrenwort, daß ich der Fürstin Y., wenn ich den Genfer See oderdie Riviera aufsuchte, nicht erlauben würde, mich dort zu besuchen. Nochweniger dürfe ich sie wieder aufsuchen. „Eure Wege müssen sich trennen,das verlangt von dir nicht allein dein Vater, das verlangt die Vernunft,das fordern deine Ehre und deine Pflicht.“
Der Brief, den ich noch in derselben Nacht an die Fürstin schrieb, wurdemir schwer. Ich sagte ihr mit einiger Übertreibung, aber vollkommen auf-richtig, daß sich selten oder nie ein Mensch in einem schwereren Konfliktzwischen Ehre und Liebe befunden habe als ich. Ich dächte mit jenemfranzösischen Marquis des achtzehnten Jahrhunderts: „Ma vie ä madame.“Aber wie dieser müsse ich hinzufügen: „Mon honneur a moi.“ Wenn iches bis zu einer Scheidung zwischen ihr und ihrem Gatten kommen ließe,würde ich nicht nur unvernünftig handeln, sondern imehrenhaft, da ich ihrkeine gesicherte Zukunft bieten könne. Wäre ich dazu in der Lage, so würdeich keinen Augenblick zögern, ihr Leben mit dem meinigen zu verbinden.Aber ohne eine solche Möglichkeit ihr Leben zu zerstören, könne ich wedermit meinen Ehrbegriffen vereinigen, noch über das Herz bringen. Als