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RENANS IRONIE
Politik der römischen Kurie, die für das Kommende immer eine feineWitterung gehabt hat, von ihrem früheren aristokratisch-monarchisch-feudalen Standpunkt zu Verständnis für demokratische Ideen und zuAnpassung an demokratische Ziele und, wo es ihr nützlich schien, sogaran republikanische Institutionen führte.
Renan hat vielfach anregend auf mich gewirkt. Ich habe mir durch seineBibel-Kritik meinen Glauben an Jesus Christus und sein Wort nicht raubenlassen, sehe aber in ihm einen jener französischen Prosaisten, deren Lektüregerade dem Deutschen zu empfehlen ist. Hier kann er lernen, daß Gründ-lichkeit nicht Schwerfälligkeit bedeutet, Ernst noch lange nicht Pedanterie.Hier kann er Ironie lernen, jene höfliche, geschmackvolle, feine Ironie, dergegenüber wir Deutsche vielleicht deshalb so empfindlich sind, weil wir sieselbst nicht so recht anzuwenden verstehen. Man vergleiche mit der fein-geschliffenen Polemik eines Renan die geschmacklosen Grobheiten undplumpen Gehässigkeiten, die, noch dazu nicht wenig stolz auf unsereEhrlichkeit, unseren Freimut und unsere wissenschaftliche Methode,deutsche Gelehrte dem Gegner an den Kopf zu werfen lieben. Charakte-ristisch für die Art, in der die Franzosen Feinheit und Geschmack des Stilsbewerten, war, daß sie die Leitung ihrer Propaganda während des Welt-krieges nicht einem Abgeordneten oder Professor, sondern einem derglänzendsten Schriftsteller Frankreichs, Marcel Prevost , anvertrauten. Erwar der Verfasser der „Lettres de Femmes“, der „Nouvelles Lettres deFemmes“, der „Demi-Vierges“ und anderer reizender Schriften, die mancherdeutsche Kritiker in die pornographische Literatur einreiht. Nun hat aberleider die französische Propaganda im Weltkrieg viel stärker und pene-tranter gewirkt als die vielen, von tiefer Überzeugung getragenen, ingelehrten Seminaren wissenschaftlich geprüften Bücher, Broschüren undZeitungsartikel der Werner Sombart und Hans Delbrück , Haller undLasson, Meinecke und Troeltsch , der Breysig und Gebrüder Weber e tuttiquanti, die im Ausland die wenigsten beachtet oder gar gelesen haben.
Außer Taine, Buckle und Renan las ich mit Vorliebe die „Maximes“ desDuc de La Rochefoucauld, die „Pensees diverses“ von Montesquieu und die„Oeuvres choisies“ von Vauvenargues . Ich ließ sie zusammen binden undschrieb auf die erste Seite als Mahnung zwei Worte von Vauvenargues :„Les gens vains ne peuvent etre habiles car ils n’ont pas la force de setaire“, und „L’activite porte les hommes ä la gloire, les petits talents, laparesse, le goüt des plaisirs, la vanite les fixcnt aux petites choses.“
Bei meinen Spaziergängen in der Umgebung von San Remo trug ichdas Kompendium gern in der Tasche. Wenn ich zu der weißen Madonna dela Costa emporgestiegen war oder zu der Madonna della Guardia auf demCapo Verde, von wo aus man bei klarer Luft und gutem Willen als kleinen