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fernen Punkt am Horizont Korsika erblicken konnte, holte ich mein Buchhervor und suchte in dieser Umgebung bei solcher Aussicht doppelt gernBelehrung bei so erfahrenen Männern wie Montesquieu , Yauvenargues undLa Rochefoucauld . Als ich in jener Zeit auf dem Corso von San Remoschlenderte, ahnte ich nicht, daß diese Straße zwölf Jahre später die Viadolorosa für unsem lieben Kaiser Friedrich werden sollte, daß er hiergrausame körperliche Leiden und, schlimmer als das, unsägliche seelischeQualen erdulden sollte. Und mit ihm sollte Deutschland leiden, dem dieseredle, verständige Fürst zu früh, viel zu früh entrissen wurde.
Mit den Kurgästen von San Remo verkehrte ich wenig, wie ich auch infrüheren Zeiten mich bei Reisen selten an andere anschloß. Die einzigeAusnahme, die ich in San Remo machte, war für ein zwölf- oder dreizehn-jähriges, verwachsenes und kränkliches Mädchen, um das sich niemandkümmerte als seine selbst leidenden und sehr bescheidenen Eltern. Ich lehrtedas Kind das Dame-Spiel und spielte abends im Lesezimmer mit ihr. Icherzählte ihr auch Märchen, abwechselnd orientalische, phantastischeMärchen und liebe deutsche Kinder- und Hausmärchen der GebrüderGrimm . Wenn ich das Lesezimmer betrat, blickte mir das Kind mit großen,erwartungsvollen Augen entgegen, wenn ich ihr Gutenacht sagte, machtesie einen kleinen Knix und schien sehr betrübt.
Als ich Mitte Dezember von der Madonna della Guardia in mein Hotelzurückkehrte, fand ich einen Brief meines Vaters, der mir meine Versetzungnach Athen ankündigte. Es hieß in diesem Brief, der kaiserliche Gesandtein Athen, Herr von Radowitz, sei für längere Zeit in das Auswärtige Amtals Hilfsarbeiter berufen worden; der Sekretär der Gesandtschaft, Herr vonHirschfeld, müsse nach Konstantinopel versetzt werden, wo durch dievon uns übernommene Vertretung der russischen Interessen eine Ver-stärkung des Personals notwendig geworden sei. Ich möge mich un-verzüglich nach Athen begeben, um dort die Leitung der Mission zu über-nehmen. Gütig und weise wie immer fügte mein Vater hinzu, es sei für meinedienstliche Ausbildung nützlich, schon in jungen Jahren selbständig eineMission zu leiten. Die weitere Haltung des bisher neutral gebliebenengriechischen Königreichs und des von Athen beeinflußten hellenischenElements im Türkischen Reich sei für den Ausgang des Russisch-TürkischenKrieges nicht ohne Bedeutung. Ich fände Gelegenheit, interessante Berichtezu schreiben. Ich möge die Augen auf- und die Nerven Zusammenhalten.Toujours en vedette, aber ohne exces de zMe, damit er „wieder“ mit mirzufrieden sein könne. Mein Vater, der niemals ausschließlich in Politikaufgegangen war, betonte in diesem Brief an mich, er hoffe und erwarte,daß der Aufenthalt in Athen für meine weitere geistige Entwicklung undfür meine allgemeine Bildung förderlich sein werde. Er erinnerte den jungen