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Mann noch einmal an das Goethesche Wort, das er dem Knaben eingeschärfthatte, und empfahl mir, mich am Fuße der Akropolis am diamantenenSchilde der Griechen zu prüfen, um die Lücken meiner Bildung und wohlauch manche andere Unvollkommenheiten nicht nur meiner Bildungzu erkennen.
Ende Dezember 1876 reiste ich von San Remo ab, in der Tasche dieOdyssee, im Hinblick auf die mir bevorstehende Seefahrt, die mich zuhomerischen Gestaden führen sollte. Die Eltern meiner kleinen Freundin,die ich das Dame-Spiel lehrte, der ich Märchen erzählte, baten mich,das Kind nichts von meiner bevorstehenden Abreise merken zu lassen, dasie das gar zu sehr betrüben würde. Sie würden ihr nach meinem Fortgangsagen, daß der große Bismarck mir befohlen habe, sofort nach der schönenStadt Athen abzureisen, um dort auf die unruhigen und bösen Griechenaufzupassen, damit sie keinen Unfug trieben. Ich bin nicht abgeneigt, zuglauben, daß die Zuneigung dieses armen, kranken und verwachsenenMädchens zu mir inniger und jedenfalls reiner war als die mancher jenerWeltdamen, deren ewig Weh und Ach so tausendfach aus einem Punktezu kurieren ist.
Am Tage vor Weihnachten verließ ich den schönsten Fleck der LigurischenGenua Küste. Ich fuhr über Porto Maurizio, Alassio und Savona nach Genua ,der Stadt, in der mir zwei Jahre früher die Pracht italienischer Baukunstund der Zauber italienischer Natur zuerst entgegengetreten waren. Genovala Superba, die Stadt, wo Cristoforo Colombo und Giuseppe Mazzini dasLicht der Welt erblickten, wo Camillo Cavour als junger Artillerieoffizier inGarnison stand, die Stadt, wo selbst Christian Friedrich Nicolai, dieserechte Repräsentant Berliner Spießbürgerlichkeit und Süffisance, sich zudem Geständnis bewogen fühlte, daß Genua „allerdings“ schöner sei, alses die kühnste Phantasie ersinnen könne. Von da ging es über Bologna undAncona nach Brindisi längs des mir noch unbekannten AdriatischenMeeres , der im Laufe der Jahrhunderte von vielen Dichtem gefeiertenAdria, die in unseren Tagen Gabriele d’Annunzio im Groll gegen Österreich das „amare Adriatico“ nannte und wo sich jetzt nach dem Zerfall derhabsburgischen Monarchie Südslawen und Italiener mißtrauisch in dieAugen sehen.
Ein schwankendes, rollendes und übelriechendes griechisches SchiffKorfu brachte mich in der Nacht von Brindisi nach Korfu . Aber üble Gerücheund mit ihnen die Seekrankheit schwanden, als am Morgen Korfu amHorizont auftauchte. Trübe lag’s wie ein Schild in der dunkelwogendenMeerflut, heute wie in den Tagen des Odysseus. Ich bewunderte wieder dieunerreichbare Plastik homerischer Naturschilderungen. Stolz und schroffüberragte der Pantokrator Insel, Berge und Meer. Am Landungssteg von