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DIE NACHKOMMEN DES DEMOSTHENES
Iässigkeit, und gleichzeitig kam der russische Minister des Äußern, Herr vonGiers, dahinter, daß Saburow auch gegen ihn intrigiere. Kaiser Alexan-der III., eine gerade Natur, entschied: „Saburow est une dangereuseCanaille qu’il faut supprimer.“ Saburow wurde in Ungnade seiner Botschaftenthoben und verschwand im Dunkel des russischen Senats. Mit dem tür-kischen Gesandten Photiades hatte ich manche interessante Unterhal-tung. Er war, wie viele Beamte der Pforte, Grieche und vertrat mit Eiferund nicht ohne Feinheit die Ansicht, daß es dem hellenischen Elementunter ottomanischer Hoheit am besten ginge. So könne das Hellenentumnicht nur auf dem Balkan durch seine höhere Kultur sich Bulgaren , Serbenund Rumänen assimilieren, sondern auch in Kleinasien seinen Besitzstanderweitern. Nach dem Zerfall der Türkei würden die Hellenen die Beute derSlawen und Rumänen werden.
Das griechische Parteigetriebe mutete den fremden Beobachter an wieDas eine Satire auf alles, was Parlamentarismus heißt. Ich habe oft an den grie-griechische chischen Parlamentarismus zurückdenken müssen, als in Deutschland nachParlament j em Sturz der Monarchie die damals regierenden Parteien: Zentrum,Demokratie und Sozialdemokratie, ihre ersten täppischen Gehversucheunternahmen. Ich habe in Athen erlebt, daß binnen achtundvierzig Stun-den drei Kabinette nacheinander gebildet wurden, sofort nach ihrer Bildungein Mißtrauensvotum erhielten, zurücktreten mußten, und daß das Spielvon neuem begann. Die absolute Abhängigkeit aller Angestellten von dergerade am Ruder befindlichen Parteiregierung ging so weit, daß, wenn einneues Kabinett ins Amt trat, auch die polizeilich konzessionierten Stiefel-putzer gewechselt wurden, die in dem staubigen Athen an jeder Straßen-ecke ihres Amtes walteten.
Wie standen Regierung und Volk zu der entscheidenden Frage: Sollsich Griechenland, dem Beispiel der Rumänen folgend, an dem Kriegegegen die Türkei auf russischer Seite beteiligen oder besser neutral bleiben PDer Wunsch der griechischen Regierung und aller Griechen war, möglichstviel zu erraffen und möglichst wenig zu riskieren. Als vor dem witzigenfranzösischen Gesandten Tissot ein griechischer Politiker mit der Zungen-fertigkeit und dem Pathos der Nachkommen des Demosthenes und Aeschines ausrief, que les Grecs voleraient tres prochainement ä la frontiere, meinteMr. Tissot trocken: „Ils voleront oü et quand ils pourront, certainement,mais ils ne voleront pas ä la frontiere.“
Im Frühjahr 1877 traf die Prinzessin von Wales zu einem längerenEnglische Besuch bei ihrem Bruder in Athen ein. Sie lief gern und sehr graziös Roll-Besuche schuh. Im Schloßgarten wurde ein Skating-rink eingerichtet. Ich hatte oftdie Ehre, dort mit der Frau Prinzessin zu laufen. Wie schon als Kind undbis in ihr hohes Alter war sie von immer gleicher Liebenswürdigkeit und