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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER CÜL DE PARIS

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liegt. Sie war inzwischen fast ein halbes Jahrhundert älter geworden. IhrGemahl, der König Georg von Griechenland , war zehn Jahre früher inSaloniki ermordet worden. Ihr Sohn, der König Konstantin, wurde ent-thront und starb in der Verbannung. Ihr Enkel, der König Alexander, warin Tatoi eines rätselhaften Todes gestorben. Alle ihre griechischen Ver-wandten waren vertrieben oder tot. Ihren russischen Verwandten war esnicht besser ergangen. Vor mir stand eine ganz gebrochene Frau. MitWehmut erinnerte sie sich der glücklicheren Vergangenheit. Sie erzähltemir, ich hätte als Geschäftsträger in Athen noch so jung ausgesehen, daßman michdas Kind genannt habe. Ich mußte ihr erwidern, daß ich in-zwischen leider ein recht altes Kind geworden sei. Der Zusammenbruchdes Zarenthrons war ihr näher gegangen als der Sturz der griechischenDynastie. Die Stellung der letzteren hatte sie immer für ziemlich prekärgehalten. An die Unerschütterlichkeit des Zarenthrons hatte sie geglaubtwie an das Evangelium.

Im Diplomatischen Korps waren mir der englische Gesandte, derHon. Stuart, und sein Sekretär Mr. Wyndham die Sympathischsten,wie ich überhaupt auf allen Posten am liebsten mit meinen englischenKollegen verkehrt habe. Für den persönlichen Umgang, für sichere Freund-schaft ziehe ich den Engländer jedem andern Fremden vor. Er ist zuver-lässig, er hat gute Formen, er hat Takt. Der russische Gesandte Saburow war ein echter Slawe, geistreich, gewandt, verlogen, ganz unzuverlässig.II ment quand il ouvre la bouche, meinte Mr. Stuart von ihm. Er warmit einer Deutschen verheiratet, einer Gräfin Vitzthum, die durch und durchehrlich, tugendhaft, aufrichtig, kurz eine Perfektion war.Cest la vertudans toute son horreur, pflegte er von ihr zu sagen. Es amüsierte ihn, sie,die immer noch in ihn verliebt war, wo und wie er konnte, zu ärgern. BeiDiners ließ er ein großes Blumenarrangement zwischen sich und seine Gattinauf den Tisch stellen, damit er ihr langweiliges Gesicht nicht vor sich sehe.Er setzte auch gern als Roti auf die Menükarte: Dinde ä lAmbassa-drice und ließ keinen Zweifel darüber, welche Ambassadrice ihn an diePute erinnere. Natürlich nahm er es mit der ehelichen Treue nicht genau.Es gelang ihm, das Herz der Gattin des italienischen Konsuls im Piräus zuerobern. Die Frauen trugen damals, was die Franzosenun cul de Paris,die Berliner einenPuff nannten. Unter diesen Puff der von ihm ange-beteten Konsulin steckte Saburow die Liebesbriefe, die er an sie richtete.Eines Tages holte der Konsul eine feurige Liebeserklärung des Gesandtenaus diesem eigenartigen Briefkasten hervor. Es kam zu einem Duell, beidem der Gesandte von dem mit Recht erzürnten Konsul durch den Armgeschossen wurde. Saburow hat später Karriere gemacht. Er wurde rus-sischer Botschafter in Berlin. Bismarck erkannte aber bald seine Unzuver-

Die fremdenVertreter

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