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IN BESONDERER AUDIENZ
als daß er solche „pensees de derriere la tete“ auch nur indirekt nach außenhätte hervortreten lassen. In den Äußerungen Bismarcks waren für michdie großen Gesichtspunkte vorgezeichnet, unter denen ich die Haltung dergriechischen Regierung zur Orientkrise zu beurteilen und die Bedeutungder offenbar reichlich verwirrten innern Politik Griechenlands zu bemessenhatte.
Wenige Tage nach meiner Ankunft in Athen wurde ich von KönigGeorgios in besonderer Audienz empfangen. Er begrüßte mich als altenBekannten, dem er schon in unser beider ersten Jugend in Rumpenheim und Frankfurt begegnet war. Der König hat mich während der ganzen Zeitmeiner Tätigkeit in Athen mit immer gleicher Freundlichkeit und mitvollem Vertrauen behandelt. Er hatte von seinem Vater, dem KönigChristian IX. von Dänemark, die unerschütterliche Ruhe geerbt, von seinerMutter, Luise von Hessen, einen feinen Verstand. Wie sein Vater war er einvollkommener Gentleman. Damit imponierte er den Hellenen, von denensich gerade das im allgemeinen nicht sagen ließ. Seine Gemahlin, die Köni-gin Olga, war eine Tochter des Großfürsten Konstantin von Rußland. Siewar durch und durch Russin, streng orthodox, sehr vortrefflich, etwas naiv.Im Laufe einer längeren Unterhaltung frug sie mich einmal, ob es wirklichwahr sei, daß ihr Urgroßvater, der Kaiser Paul, keines natürlichen Todesgestorben sei. Sie habe das in einem französischen Buche gelesen, könnees aber nicht glauben, denn ihr Lehrer der russischen Geschichte habe ihrgesagt, Kaiser Paul sei, umgeben von der Liebe seines Volkes und beson-ders seiner Verwandten, als frommer Christ und ausgezeichneter Souveränin seinem Bett gestorben. Ich mußte Ihre Majestät darüber aufklären, daßKaiser Paul von seinen General- und Flügeladjutanten stranguliert wordensei und daß seine Gemahlin und sein Herr Sohn um das Komplott gewußthätten. Die Ehe zwischen dem König Georg und der Königin Olga warsehr glücklich, obwohl der König sich, ähnlich wie sein Schwager,König Eduard VII. von England, gelegentlich kleine Seitensprünge er-laubte. Als Georgs Sohn, der in dieser Beziehung dem Beispiel seines HerrnVaters folgte, auch nach seiner Verheiratung mit Prinzessin Sophie vonPreußen, der dritten Tochter des Kaisers Friedrich, ab und zu vom schmalenPfad der Tugend abwich, erschien die junge Prinzessin Sophie bei ihremSchwiegervater und frug ihn, wie sie sich in solcher Lage verhalten solle. DerKönig antwortete mit großem Ernst: „Das mußt du deine liebe Schwieger-mutter fragen, die kann dir in dieser Beziehung die besten Ratschlägegeben.“
Ich habe die Königin Olga viele, viele Jahre nachdem ich in Athen alsGeschäftsträger gewirkt hatte, wiedergesehen. Sie verbrachte den Wintervon 1924/25 in Rom, im Hotel Eden, das schräg gegenüber der Villa Malta