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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BISMARCKS ZWEI WAHRHEITEN

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neuer Beweis, wie gefährlich das autokratische System ist, wenn derAutokrat nicht sehr besonnen, sehr vorsichtig und völlig Herr seinerNerven ist.

Auch Fürst Bismarck hatte sich bereits geäußert. Er wählte hierzujedoch nicht die Tribüne des Reichstags, sondern sprach sich über die Äußerungenorientalischen Verwicklungen mit souveräner Unbefangenheit bei einem Bismarck»Diner aus, das er dem Präsidium des Reichstags in seinem Hause gab. Erverzweifele noch nicht an der Erhaltung des Friedens. Sollte es trotzdemzum Kriege kommen, so würden Rußland und die Türkei wohl nach kurzerZeit des Haders müde werden. Dann könne Deutschland vielleicht mitAussicht auf Erfolg vermitteln. Jetzt an Rußland einen Rat zu erteilen,wäre mißlich, denn das könne die russische Nation verstimmen, und daswürde viel schlimmer sein als eine vorübergehende Differenz mit der russischen Regierung. England werde schwerlich einen offenen Krieg mit Rußland führen, sondern höchstens einen offiziösen wie Rußland in Serbien. WennÖsterreich in den Krieg gezogen werde, wenn für dessen Bestand sichGefahr zeigen sollte, so sei es der Beruf Deutschlands, für den BestandÖsterreichs und überhaupt für den Bestand der jetzigen Landkarte einzu-stehen. Deutschland seidie Bleigarnierung, welche die Figur immerwieder zum Stehen bringe. Österreich habe eine große Lebenskraft, einegrößere, als manche meinten. Das habe er, Bismarck, auch Lord Salisburyneulich bei ihrer Begegnung gesagt, und das werde sich zeigen, wennKaiser Franz Josef unter Umständen sich selbst an seine Völker wendensollte. In einer offiziösen Korrespondenz aus Berlin faßte dieAugsburgerAllgemeine Zeitung die Nachtischäußerungen des Fürsten Bismarck kurzdahin zusammen:Deutschland versucht vor allem den Frieden zu er-halten, wenn dennoch der Krieg ausbricht, diesen Krieg zu lokalisieren,wenn sein Verlauf die Interessen Österreichs bedrohen sollte, für Österreich einzutreten.

Meine kluge Petersburger Freundin, Missy Durnow, pflegte zu sagen, esgebe für einen Diplomaten zwei Arten von Wahrheit: die Wahrheit, die erin Reden, Unterhaltungen und Noten ausspreche, und dann die Wahrheit,die er für sich behalte. Diese Wahrheit nannte Madame Dumowla veritede derriere la tete. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich sage, daßBismarck die Besetzung Konstantinopels durch die Russen nicht ungerngesehen hätte. Er hatte auch nichts dagegen, daß die Engländer ihre Flottein die Dardanellen einlaufen ließen. Er fand die Politik des Grafen Andrässylahm und äußerte vier Jahre später in meiner Gegenwart zu seinem SohnHerbert:Man pflegt zu sagen, in jedem Ungarn stecke ein Husar und einAdvokat. Nun, im Jahre 1877 operierte Andrässy mehr wie ein Advokat alswie ein Husar. Fürst Bismarck war aber viel zu weise und viel zu geschickt,

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