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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE HEILIGE MISSION

mit Ferdinand von Walter inKabale und Liebe zu reden, mit demganzen Stolz seines Englands . Frieden, führte er aus, sei eine speziellenglische Politik. England sei keine angriffslustige Macht, denn es gehenichts, was es wünschen könne. Aber andererseits gebe es kein Land, dasso gut für den Krieg vorbereitet wäre. Was England wünsche, sei lediglich,das gewaltige Reich, das es aufgebaut habe und das ebenso durch Sym-pathie wie durch Macht existiere, aufrechtzuerhalten. England würde nieeinen Krieg führen außer für eine gerechte Sache. Seine Hilfsquellen seienunerschöpflich. Ließe es sich auf einen Feldzug ein, so würde es die Waffennicht eher niederlegen, als bis Gerechtigkeit geübt worden wäre. Die Rededes englischen Premierministers atmete vom ersten bis zum letzten Wortjenen Geist des Imperialismus, des spezifisch englischen Nationalismus,dessen Vater Benjamin Disraeli war, der Enkel eines aus Venedig in England eingewanderten Juden.

Noch einen Tag später hielt Kaiser Alexander II. an die Vertreter desDer Zar Adels und der Stadtgemeinde in Moskau eine Ansprache, aus der die Selbst-im Kreml herrlichkeit des Autokraten sprach. Beim Beginn dieser Rede erteilte er denSerben und Montenegrinern Zensuren, den Montenegrinern eine gute, denSerben eine schlechte. Die Montenegriner hätten sich in dem ungleichenKampfwie immer als wahre Helden bewährt. Von den Serben könne erleider nicht dasselbe sagen. Trotzdem hätten viele russische Freiwilligein den serbischen Reihen für die slawische Sache ihr Blut vergossen. DerZar wisse, daß mit ihm ganz Rußland den lebhaftesten Anteil an den Leidender Glaubens- und Stammesgenossen nehme, aber für den Monarchen seiendie wahren Interessen Rußlands am teuersten. Er wünschebis aufsÄußerste russisches Blut zu schonen. Wenn es den Mächten aber nichtgelänge, von der Pforte Garantien für eine tatsächliche Verbesserung derLage der Christen im Orient zu erlangen, so habe er die feste Absicht,selbständig zu handeln. Er sei überzeugt, daß in diesem Falle ganz Rußland seinem Rufe Folge leisten werde. Er sei auch davon überzeugt, daß Moskau wie immer mit gutem Beispiel vorangehen werde.Gott helfe uns, unsereheilige Mission durchzuführen! Zehn Jahre später hat mir der Direktorim russischen Auswärtigen Amt, Baron Jomini, der mit Gortschakow denZaren nach Moskau begleitet hatte, über diese kaiserliche Rede nachstehen-des erzählt. Der Kaiser sei in friedlicher Stimmung nach Moskau gefahrenund habe, als er sich in den Kreml begab, seinem Kanzler, dem FürstenGortschakow, der im Eisenbahnwagen zurückblieb, versprochen, wennüberhaupt,tres-sagement zu reden,sans aucune imprudence. Der An-blick des begeisterten Moskauer Adels, die großen Erinnerungen des Kremlund die ganze Stimmung im Mütterchen Moskau hätten aber den Zarenüberwältigt, und die Folge sei diese unvorsichtige Rede gewesen. Ein