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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DAS EUROPÄISCHE GLEICHGEWICHT

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Petersburg und Moskau würde eine Schwächung für Rußland bedeuten.Der Schluß des Allerhöchsten Marginals hatte gelautet:Ich selbst werdeeinen solchen Fehler nicht begehen. Gott bewahre meine Nachfolger voreinem solchen.

Auch der Deutsche Reichstag hatte sich bereits mit der orientali-schen Krisis beschäftigt. Mein Vater wurde am 8. November zu einer öffent-lichen Erklärung über die Stellungnahme Deutschlands genötigt. Derbayrische Zentrumsabgeordnete Dr. Jörg, jener verbissene Partikularist,dessen unpatriotische Haltung im Juli 1870 ich seinerzeit beleuchtet habe,hatte der deutschen Politik gegenüber den BalkanwirrenKurzsichtigkeitundSchwäche vorgeworfen. Die orientalischen Wirren seien die Folgeder Kriege von 1866 und 1870 und der durch diese hervorgerufenenvölligen Vernichtung des europäischen Gleichgewichts. Bewaffnet bis andie Zähne, sehe das deutsche Volk trotz unerträglich schwerer Rüstungseine teuersten Interessen geopfert. Es sei an der Zeit, die allzu schweredeutsche Rüstung abzulegen, damit das deutsche Volkwieder aufatmenkönne. Andernfalls würde es im Augenblick des nahe bevorstehenden euro-päischen Entscheidungskampfes schon ausgeatmet haben. Mein Vater be-tonte gegenüber den teils einfältigen, teils perfiden Ausführungen desAbgeordneten Jörg, daß die deutsche Politik vor allem eine Politik desFriedens sei. Sie mische sich nicht in fremde Angelegenheiten, sondern habenur Deutschlands Ehre und Interesse im Auge, und ganz besonders beiFragen, die uns nicht unmittelbar berührten. Das sei bisher die Politik desReichs gewesen, und sie werde es bleiben. Unsere Stellung zu allen Mächtensei auf Vertrauen und Achtung begründet. Wir würden dafür sorgen, daßwir uns dieses Vertrauen und diese Achtung erhielten. Deutschland werdedas Bollwerk des Friedens sein und bleiben. Und dies Bollwerk werde umso fester sein, je mehr die Regierung hoffen könne, daß sie das Vertrauender Nation, das Vertrauen ihrer Vertreter haben, verdienen und bewahrenwürde. Unter Zustimmung der großen Mehrheit des Reichstages sprach dernationalliberale Abgeordnete Braun (Wiesbaden ) sein Einverständnis mitden Darlegungen des Staatssekretärs von Bülow und sein Vertrauen zurauswärtigen Politik des Fürsten Bismarck aus.Und wenn wir diesePolitik unterstützen, schloß Braun,so erfüllen wir unsere Pflicht undSchuldigkeit besser als diejenigen, die, ohne gewiß zu sein, daß das Kapitolin Gefahr ist, es durch ihr Schnattern glauben retten zu können. DerSchluß der Ausführungen des Abgeordneten Braun rief bei der Mehrheitdes Hauses lebhaften Beifall und große Heiterkeit hervor.

Am Tage nachdem mein Vater im Reichstage gesprochen hatte, hielt derenglische Premierminister Benjamin Disraeli , seit zwei Jahren der Earlof Beaconsfield, im House of Lords eine große Rede. Er umgürtete sich, um

Reichstags-debatteüber dieOrientkrise

Rede

Disraiilis