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ZARIGRAD
Am 2. September 1876 hatte Kaiser Alexander II. in seinem schönenAlexander II. Lustschloß Livadia dem englischen Botschafter Lord Loftus eine Audienzun d erteilt. Loftus war früher Botschafter in Berlin gewesen, wo ihn BismarckLord Loftus we g en geineg aufgeblasenen Wesens „Lord Pompous“ zu nennen pflegte.
Der Zar sagte dem Botschafter, er könne es nicht länger mit der Ehre, derWürde und dem Interesse Rußlands vereinbaren, sich die „mauvaise foi“, dieAusflüchte und Zurückweisungen der Pforte gefallen zu lassen. Er wünschesehnlichst, sich nicht von dem europäischen Konzern zu trennen, aber derjetzige Stand der Dinge sei unerträglich. Sei Europa nicht bereit, mitFestigkeit und Tatkraft zu handeln, so müsse er es allein tun. Alexander II. hatte sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß in England noch immerein „eingebildeter Argwohn“ gegen die russische Politik und eine beständigeFurcht vor russischem Vorgehen und Erobern vorhanden sei. Er habe beijeder Gelegenheit feierlich versichert, daß er keine Eroberungen wünscheund daß er insbesondere nicht die mindeste Absicht habe und nicht denkleinsten Wunsch, Konstantinopel zu besitzen. Alles, was über ein angeb-liches Testament Peters des Großen und über die Aspirationen der KaiserinKatharina II. erzählt oder geschrieben würde, sei Täuschung und Hirn-gespinst. Solche Absichten hätten niemals wirklich bestanden. Er selbstwürde die Eroberung Konstantinopels als ein Unglück für Rußland be-trachten. Weder bei ihm noch bei seinem Vater sei davon die Redegewesen. Das habe Kaiser Nikolaus im Jahre 1828 bewiesen, als er seinsiegreiches Heer vier Tagesmärsche vor der türkischen Hauptstadt habehaltmachen lassen. Kaiser Alexander II. verpfändete Lord Loftus sein„heiliges Ehrenwort“, daß er nicht die Absicht habe, Konstantinopelzu erwerben, und daß, wenn die Notwendigkeit ihn zur Besetzung einesTeiles der Türkei zwingen sollte, das nur „vorläufig“ sein würde. Was diehier und da in England hervortretende Behauptung angehe, Rußland tragesich mit dem Plan einer künftigen Eroberung von Indien, so sei sie einfachabgeschmackt. Die Eroberung Indiens sei eine Unmöglichkeit. Konstanti-nopel zu besitzen, habe er weder den Wunsch noch die Absicht.
Die letztere, immer wiederholte Versicherung war natürlich cum granosalis zu verstehen. Eine glatte Lüge war sie nicht, auch keine bloße Flun-kerei. Schon Kaiser Nikolaus I., der mehr Entschlossenheit besaß als seinsentimental angelegter Sohn, hatte an den Rand einer Denkschrift desrussischen Ministeriums des Äußern, in der von Graf Nesselrode dieGründe zusammengestellt worden waren, die für die Erwerbung von Kon-stantinopel sprachen, mit fester Hand geschrieben: Die Erwerbung vonZarigrad (der russische Name für Konstantinopel) würde kein Glück fürRußland sein. Eine bloße Gouvernementshauptstadt wie Odessa oder Kiew könne Konstantinopel nicht werden. Eine dritte Reichshauptstadt neben