Druckschrift 
4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
Seite
421
Einzelbild herunterladen
 

EIN BAD IM PIRÄUS

421

Anmut. Ihrer Hofdame, der nicht hübschen aber klugen Miß CharlotteKnollys, bin ich in meinem späteren Leben öfters wieder begegnet. Nicht langenachher suchte der Herzog von Edinburgh, der zweite Sohn der KöniginVictoria, mit einem größeren englischen Geschwader, das er kommandierte,für einige Wochen die griechischen Gewässer auf. Die Offiziere des Geschwa-ders machten aus ihren russenfeindlichen Gefühlen kein Hehl. Als einmalwieder an Bord des Flaggschiffes sehr auf die Russen geschimpft wurde,meinte der Herzog von Edinburgh nicht ohne Gereiztheit, er bitte, nicht zuvergessen, daß er mit einer Russin, der einzigen Tochter des KaisersAlexander II., verheiratet sei. In respektvoller Haltung, in ganz ruhigemTon, aber auch mit völliger Unbefangenheit erwiderte ein englischer See-offizier:I know Sir. I would not like to be married to a russian lady.Der Engländer versteht es, gute Formen mit vollkommener Selbständig-keit und unter Umständen großer Ungeniertheit zu verbinden. Unter denOffizieren des Geschwaders befand sich auch Prinz Louis Batten-berg, ein Sohn des Prinzen Alexander von Hessen-Darmstadt aus seinermorganatischen Ehe mit der Gräfin Julie Hauke. Louis Battenberg warschon damals ganz zum Engländer geworden und hat denn auch, als derWeltkrieg ausbrach, seine deutsche Heimat so völlig verleugnet, daß erseinen deutschen Namen mit dem englischenMountbatten Marqueß ofMilford Haven vertauschte.

Als die Prinzessin von Wales Athen verließ, begleitete ich sie mit demösterreichischen Gesandten Baron Münch und dem italienischen Ge-sandten Grafen Maffei bis zum Piräus . Es war ein schöner Junimorgen.Obwohl die Fischer am Ufer uns warnten, ein Bad zu nehmen, da das indieser Jahreszeit gefährlich sei, konnten wir der Versuchung nicht wider-stehen, uns in die Fluten zu stürzen und eine gute Stunde in dem klarenWasser umherzuschwimmen. Die Griechen hatten uns aber nicht mitUnrecht gewarnt. Drei Tage später wurde Münch von einem bösen Fieberbefallen. Sein Zustand verschlimmerte sich bald so sehr, daß ich einenkatholischen Geistlichen aufsuchte und ihn bat, dem Kranken die Sterbe-sakramente zu reichen. Münch, der längere Zeit als Botschaftsrat in Berlin fungiert hatte, war gut beim Fürsten Bismarck angeschrieben, der schonden Vater, den darmstädtischen Gesandten beim Bundestag, gern gemochthatte. Der arme Kranke wußte, daß er zum österreichisch-ungarischenBotschafter in Berlin bestimmt war. In seinen Fieberphantasien war erunablässig mit diesem Gedanken beschäftigt. Noch während der Geistlichedie Sterbegebete sprach, stöhnte Münch:Ich will nach Berlin ! Nur fortvon hier, heraus aus Griechenland, nach Berlin . Allmählich verstummtenseine Klagen, dann sein Röcheln, und er starb. Seine Familie schenkte mirzum Andenken an ihn ein schönes Aquarell des Parthenon , auf dem die