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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE JUNGFRAU VON ATIIEN

letzten Blicke des Sterbenden geruht hatten und das noch jetzt in meinemSchlafzimmer in der Villa Malta hängt.

Die Schönste unter den schönen Hofdamen der Königin war FräuleinMademoi- A. Ihre großen blauen Augen erinnerten an die der Pallas Athene , ihreseile A. prachtvolle Figur an die Karyatiden des Erechtheion. Sie gefiel mir sehrgut. Ich besuchte sie oft. Wir machten zusammen lange Spaziergänge. Ichüberlegte, ob ich mit ihr den Bund fürs Leben schließen sollte. Vieles sprachdagegen. Es war mir nicht ganz sicher, ob sie sich an deutsche Verhältnissegewöhnen würde. Sie kam mir auch, wenn nicht gerade ihre Pallas-Athene-Augen auf mich gerichtet waren, recht ungebildet vor. Was hätten meineEltern zu einer hellenischen Schwiegertochter gesagt ? Aber sie war schön,sehr schön. Die Entscheidung brachte eine zufällige Straßenbegegnung.

Maid of Athens , here we part,

Give, oh give me back my heart!

Or, since that has left my breast,

Keep it now, and take the rest!

Hear my vow before I go:

Zcör] jwv, yaQ ayccjcw.

So lautet eins der schönsten Gedichte von Byron . Als ich einmal mitmeinem englischen Freunde Mr. Wyndham auf der Straße von Kephissiaspazierenging, begegnete uns eine imförmig dicke Frau. Sie wackelte wieeine Ente. Wyndham stellte mich ihr vor. Was sie sagte, war unbeträchtlich.Schlimmer als das: Sie roch nach Knoblauch. Als sie sich entfernt hatte,sagte mir Wyndham:Das ist die Maid of Athens von Lord Byron . Ich sahder watschelnden Alten nach, deren Silhouette in der klaren griechischenLuft doppelt unerfreulich wirkte. Und doch hatte Byron von ihr gesungen.

Athens holds my heart and soul:

Can I cease to love thee ? No!

Ich war ernüchtert und gab den Gedanken auf, eine Hellenin zum Altarzu führen.

Im April 1877 waren die Russen in Rumänien einmarschiert. Im MaiDer Russisch- hatten die Donaufürstentümer der Pforte den Krieg erklärt. NachdemTürkische Kaiser Alexander II. sein Hauptquartier an der Prahova, in der rumäni-Krieg sc jj en Stadt Plojesti, genommen hatte, setzte das russische Hauptheer überdie Donau. Mitte Juli überschritten die Russen unter General Gurko denSchipkapaß, und das russische Hauptquartier wurde nach Tirnowa verlegt,das im Mittelalter die Hauptstadt der Bulgaren gewesen war. Dagegenbesetzten die Türken Plewna in der rechten Flanke der Russen. Sieverschanzten sich dort unter dem tapferen Osman Pascha , der für kurze Zeit