GOETHES GEDICHTE
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Karl Alexander von Weimar ausdrückte, „un Monsieur tres bien apparente“.Für solche Ausflüge pflegte ich von jeher ein Buch in die Tasche zu stecken.Diesmal griff ich zu Goethes Gedichten. Die Gräfin Marie Dönhoff hattemir ein Jahr vorher das Buch in Wien geschenkt, nachdem sie mir mit leiserStimme, aber mit tiefem Gefühl das Lied an den Mond vorgelesen hatte:
Füllest wieder Busch und TalStill mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmalMeine Seele ganz.
Warum stand plötzlich ihr Bild vor mir unter den Ruinen des Athene-tempels, während am Himmel der Mond aufstieg und der blaue SaronisclieGolf zwischen den Tempelsäulen durchschimmerte? Ich sah deutlich ihrezarte Gestalt vor mir, ihr schmales, süßes Gesichtchen, ihre wunderbarenAugen. Aber sie war fern, so fern wie der Mond, der auch in Ägina Buschund Tal still mit Nebelglanz füllte.
Was von Menschen nicht gewußt,
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der BrustWandelt in der Nacht.
Leichter als von Ägina und Salamis, vom Erechtheion und vom Par-thenon trennte ich mich von den Menschen in Griechenland. Nach demTode des guten Münch hatte mir unter meinen diplomatischen Kollegenkaum einer nähergestanden. Von den geschwätzigen griechischen Politikern,die von dem neuen Byzantinischen Kaiserreich und dem nach ihrer Be-hauptung hierdurch herbeizuführenden allgemeinen Kulturfortschrittträumten, trennte ich mich noch leichter als vom Corps diplomatique.Schwerer wurde mir in Athen der Abschied von zwei deutschen Gelehrten,die mir dort der liebste Umgang gewesen waren. Der Vorstand des Archäo-logischen Instituts, Professor Ulrich Köhler, führte mich in Thucydides ein, dem sein besonderes Interesse und seine ganze Bewunderung galten.Er hatte beides auf mich übertragen. Der Direktor der Athener Sternwarte,Professor Julius Schmidt, ein Oldenburger, wurde der Mond-Schmidtgenannt, weil er, so oft der Mond sichtbar war, in seinem Observatorium vordem Fernrohr stand, um die Mondoberfläche zu erforschen. Er hatte schon1856 ein Standard-Work über den Mond geschrieben. 1866 hatte er dasErgebnis seiner Beobachtungen über die Mondrillen veröffentlicht. Währendich in Athen weilte, nahm er im Auftrag und mit Unterstützung despreußischen Kultusministeriums die Karte der Mondgebirge auf. Er war