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AM ILYSSOS
in Athen auch auf nichtpolitischem Gebiet Eindrücke empfangen, die michdurch mein ganzes Leben begleiteten. Wenn ich auf das Halbrund desDionysos-Theaters blickte, das sich wie eine Muschel in die Akropolis ein-bettet, Berge und Meer im Hintergrund, so wurden mir die Gestalten desÄschylos, Sophokles und Aristophanes lebendig. Und mit mehr Verständnisund Genuß als vordem las ich am Abend in meiner stillen Zelle den ge-fesselten Prometheus und die Perser, den Philoktet und die Antigone . Ichging mit dem Aristophanes in der Hand zum Dionysos-Theater, und dieOrchestra belebte sich mir mit den Gestalten des größten aller Lustspiel-dichter. Wie echt, breitbeinig und gemein steht in den „Rittern“ der un-sterbliche Demagoge da, in dem sich von dem Gerber Kleon bis in unsereTage die Volksverführer und Volksverderber aller Völker und aller Zeitenbespiegeln können.
Just eben drum wirst du der Mann des Tags,
Weil du gemein bist, frech und pöbelhaft.
Du hast ja, was
Ein Demagog nur immer braucht: die schönsteBrüllstimme, du bist ein Lump von Haus aus, Krämer,
Kurzum ein ganzer Staatsmann.
Am grünen Ufer des Ilyssos, unter Platanen, die nicht anders aussehenals die Bäume, die dem Plato Schatten spendeten, las ich die „Apologie“und den „Phädon“, den „Theätetos “ und den „Georgias“. Wie gern griffich am Abend zum „Ödipus auf Kolonos “, wenn ich am Vormittag denHügel von Kolonos aufgesucht hatte, der einst heilig war, von Rebe,Lorbeer, öl umgrünt, und wo jetzt dem 1840 verstorbenen deutschenPhilologen Ottfried Müller ein Grabmal errichtet wurde. Von neuerenDichtern konnte ich in Athen außer Goethe, der in jedem Lande, in jederLage und bei jeder Stimmung zu uns spricht, nur Friedrich Hölderlin lesen,den Schwaben, in dem mehr als in irgendeinem andern Modernen der Geistdes alten Hellas lebt.
Ich hatte mir bald nach meinem Eintreffen in Athen einen türkischenDoppelpony gekauft, der mich willig ans Meer, zum ältesten Hafen vonAthen : zum Phaleron, und zu den Marmorbrüchen des Pentelikon trug. Ichfuhr zu Schiff nach Ägina , vorüber am Grabe des Themistokles, der er-greifendsten Begräbnisstätte der Welt, wie das Mausoleum des Theoderichbei Ravenna das erhabenste aller Grabdenkmäler ist. Am Abend stand ichin Ägina vor dem roten Mohn und den breiten Blättern des scharf duftendenAsphodelos auf den Trümmern eines alten griechischen Tempels. Ägina ruftgroße Erinnerungen wach. Es ist die Insel des Äakos, der ein Sohn des Zeusund der Großvater des Acliilleus w r ar, also, wie sich der gute Großherzog