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England geführt wurden. Von englischer Seite unterhandelte Lord Salis-bury , dem der englische Premierminister, der Earl of Beaconsfield, anStelle des ihm zu unentschlossenen Lord Derby die auswärtigen Geschäfteanvertraut hatte. Sein Gegenspieler, der russische Botschafter Graf PeterSchuwalow, kannte wie kaum ein anderer Kaiser Alexander II. Er wußte,daß dieser des langen Krieges schon sehr müde war, und hoffte ihm zu ge-fallen, wenn er eine gütliche Verständigung mit England anbahnte. Obwohlein langjähriger und feiner Kenner fürstlicher Psyche, vergaß er, daß esFürsten zwar angenehm ist, wenn sie um Schwierigkeiten herumgebrachtund aus Gefahren befreit werden, daß sie aber hinterher nicht immer dank-bar sind. Fürst Bismarck sprach die Wahrheit, wenn er später mehr alseinmal sich gerühmt hat, als „ehrlicher Makler“ die Verständigung zwischenEngland und Rußland gefördert zu haben. Er hatte zweifellos recht, wenner in seiner gegen den Abgeordneten Eugen Richter gerichteten Rede vom6. Dezember 1876 erklärte, er werde nicht zu irgendwelcher aktiven Be-teiligung Deutschlands an orientalischen Verwicklungen raten, solange beidem ganzen Streit für uns kein Interesse in Frage stehe, welches auch nurdie gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre.Eine andere Frage ist, ob es zweckmäßig war, daß Fürst Bismarck bei seinerMaklertätigkeit unter geflissentlicher Ignorierung von Gortschakow geradePeter Schuwalow heranzog, den er Anfang Mai demonstrativ nach Fried-richsruh einlud. Er hoffte durch die Unterstützung, die er Schuwalow ge-währte, und die Aufmerksamkeiten, die er ihm so reichlich erwies, die Blickedes Zaren auf ihn als auf einen geeigneten Ersatz für Gortschakow zulenken. Das war ein Irrtum, schon weil Schuwalow, wie ich seinerzeit er-zählte, seitdem er sich die Ungnade des Kaiserliebchens zugezogen hatte,bei Alexander II. nicht mehr in Gunst stand.
Anfang Mai 1878 erhielt ich von meinem Vater ein Telegramm, das michvon der Führung der Kaiserlichen Gesandtschaft in Athen entband und indas Sekretariat des Kongresses berief, der Mitte Juni in Berlin zusammen-treten sollte. So sehr ich mich dieser Bestimmung freute, so trennte ich michdoch nicht leichten Herzens von Athen . Ich war meinem Vater dankbar,daß ich durch anderthalbjährige selbständige Leitung einer größerenMission in bewegter Zeit und unter nicht ganz leichten Verhältnissen meinepraktische diplomatische Ausbildung besser gefördert hatte, als mir diesauch durch fleißigste theoretische Studien möglich gewesen wäre. Zum ersten-mal begriff ich, was Bismarck meinte, wenn er die Diplomatie gern als„Arbeit in Menschenfleisch“ bezeichnete, d. h. als eine Arbeit, bei der esauf Psychologie, Takt, Flair, auf die Kunst der Menschenbchandlung an-kommt. Ich glaube noch heute, daß mir meine griechische Lehrzeit vondauerndem politischem Nutzen gewesen ist. Aber darüber hinaus hatte ich
Russisch-
englische
Verhandlungen