DIE ATTENTATE AUF WILHELM I.
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unternahm, hatte ein elender Bube, der Klempnergeselle Hödel ausLeipzig , aus einem Revolver auf ihn gefeuert. Der erste Schuß war fehl-gegangen, ebenso der zweite, den der Mörder fliehend auf das ihn verfol-gende Publikum abgegeben hatte. Vor Gericht gestellt, hatte Hödel einwiderliches Gemisch von zynischer Frechheit und feiger Verlogenheit anden Tag gelegt. Drei Wochen später waren gegen das geheiligte Haupt desKaisers wieder Schüsse abgegeben worden, und diesmal sollten sie treffen.Der edle Greis, der keine Furcht kannte, hatte an einem Sonntag, dem2. Juni, wie alle Tage seine Fahrt nach dem Tiergarten unternommen. Erfuhr im offenen Wagen, nach allen Seiten freundlich grüßend, dem Branden-burger Tor zu, durch das dreimal die von ihm ausgebildete Armee siegreicheingezogen war. Da brach er plötzlich blutüberströmt zusammen. Aus demFenster eines Hauses Unter den Linden waren rasch hintereinander auseiner doppelläufigen Flinte mit Schrot zwei wohlgezielte Schüsse auf ihnabgegeben worden, die Kopf, Schultern, beide Arme und die rechte Handgetroffen hatten. Wie während seines ganzen Lebens hatte der Kaiser auchjetzt nicht die Haltung verloren. Wahrhaft groß in seiner würdigen Ruhe,kehrte er, von seinem Leibjäger gestützt, in sein Palais zurück. Die raschherbeigerufenen Ärzte, an ihrer Spitze der große Chirurg Bernhard vonLangenbeck , der, um keine Minute zu verlieren, wie er war, in Pantoffelnim Palais erschien, erklärten es für sehr zweifelhaft, ob es ihrer Kunst ge-lingen würde, den einundachtzigjährigen Greis am Leben zu erhalten. Mehrals dreißig Schrotkörner mußten ihm nach und nach zum Teil an gefähr-lichen Stellen ausgeschnitten werden. Hätte der Kaiser statt des Helmes,den er, pflichttreu im Kleinen wie im Großen, am Sonntag vorschriftsmäßigaufgesetzt hatte, die Mütze getragen, so war er dem Tode verfallen. Nurder Helm hatte die Wucht der das Haupt treffenden Schrotkörner ab-geschwächt.
Eine große Welle der Empörung, der Scham und des Zornes gingdurch das deutsche Volk. Unmittelbar nach dem Attentat hatte das er-bitterte Publikum den Attentäter Nobiling in Stücke reißen wollen. Daswäre ihm auch gelungen, wenn nicht die brave Schutzmannschaft miteigener Lebensgefahr die andrängende Menge zurückgedrängt hätte. WarHödel ein verlotterter Sohn des Lumpenproletariats, so betrat mit Dr. KarlNobiling ein Intellektueller die Bühne. Er hatte sich früh der sozialdemo-kratischen Partei zugewandt, die gerade auf Unreife und Halbgebildeteeine starke Anziehungskraft ausübte. Hätte er zur Zeit der großen Fran-zösischen Revolution gelebt, so würde er sich den Hebertisten ange-schlossen, als Mitglied der Pariser Kommune seinen Platz zwischen RaoulRigault und Theophile Ferre eingenommen haben. Noch später hätte er inKarl Liebknecht und Rosa Luxemburg Geistesverwandte erkannt.
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