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DER ALTE KAISER
In ganz Deutschland war nach den Schandtaten vom Frühling 1878die Empörung tief und allgemein. Erregt wie nie seit den Tagen desDeutsch -Französischen Krieges war die Seele des Volkes, und auch in derFolge sah ich nie einen derartig stürmischen und zornigen Aufruhr derGefühle. Die Stimmung war eine ganz andere als ein Menschenalter späternach den Attentaten auf Eisner, Haase, Erzberger, Rathenau . Gewiß, jederMordanschlag ist und bleibt verwerflich. Kein rechtlich Denkender wirdden politischen Mord entschuldigen oder gar billigen. Kein menschlichEmpfindender wird dem Opfer eines politischen Mordes seine Teilnahmeverweigern. Aber Eisner und Erzberger, Haase und Rathenau , oderwenigstens die drei Erstgenannten, waren schwankende Gestalten derRevolutionsära. Keiner von ihnen hatte eine ernstliche Leistung aufzu-weisen. In hundert, vielleicht schon in fünfzig Jahren wird ihr Andenkenversunken und vergessen sein. Kaiser Wilhelm I. , der alte Kaiser, wirdim Herzen des deutschen Volkes fortleben wie Karl der Große undFriedrich der Rotbart, denn er verkörpert die schönste, stolzeste, ruhm-vollste und glücklichste Zeit, die unserem Volk seit dem Mittelalter be-scliieden war. Und was seine menschlichen Eigenschaften angeht, sowüßte ich nichts so Rührendes und dabei so Edles wie die Worte, dieder alte Herr nach seiner Wiederherstellung am 7. Dezember 1878 beimEmpfang des Magistrats und der Stadtverordneten von Berlin sprach:„Die Vorsehung ließ es zu, daß mich Schweres traf. In meiner Errettungerblicke ich die Mahnung, mich zu prüfen, ob ich meinen Lebenslauf soeingerichtet, meine Pflichten so erfüllt habe, daß ich wert war, gerettetzu werden.“
Es war in der Ordnung, daß Bismarck die durch die Attentate hervor-Auflösung gerufene Stimmung benutzte, um den Reichstag aufzulösen und Neuwahlendes Reichstags auszuschreiben. Diese verschafften den Konservativen und den Frei-konservativen in vielen Wahlkreisen Erfolge über die Freisinnigen und denlinken Flügel der Nationalliberalen. Mit dem scharfen Blick des Genius, derfrüh sieht, was dem bloßen Talent, geschweige denn dem „profanum vulgus“,der blöden Menge verborgen bleibt, hatte Bismarck schon um die Mitte dersiebziger Jahre die Hohlheit der marxistischen Lehre und vor allem ihrebesondere Gefährlichkeit für Deutschland erkannt. Bei der Neigung derDeutschen zu theoretischem Denken, ihrer oft verstiegenen Ideologie,ihrem schwachen Nationalgefühl glaubten die deutschen Arbeiter ehrlichan die marxistische Lehre vom Klassenkampf und von der Solidarität derinternationalen Arbeiterinteressen, der alle anderen Pflichten und Rück-sichten unterzuordnen wären. Franzosen , Engländer und Italiener akzep-tierten die marxistische Lehre, wenn sie sich ihren starren und engen Ge-boten überhaupt unterwarfen, mit dem stillen Vorbehalt, daß das Interesse