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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE ÜBERSCHÄTZUNG DER GEWALT

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des eigenen Landes dabei nicht zu kurz kommen dürfe. Der Deutsche opfert auf dem Altar der grauen Theorie mit den Interessen seines Vater-landes selbst sein persönliches Wohl. Aber war das Gesetz gegen die gemein-gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, das im Herbst 1878 demneugewählten Reichstag vorgelegt und von ihm am 18. Oktober mit starkerMehrheit angenommen wurde, der rechte Weg, um unser Volk gegen dieschweren Gefahren zu schützen, mit denen es die sozialdemokratische Be-wegung bedrohte?

Wie ein anderer großer Mann der Tat, wie Napoleon, überschätzteBismarck bisweilen die Macht der Gewalt. Er wollte nicht einsehen, daßgeistigen Bewegungen gegenüber die Gewalt versagt, daß es ebensowenigangeht, eine geistige Bewegung gewaltsam zu unterdrücken, wie es möglichist, die Luft zu komprimieren, indem man die beiden inneren Handflächengegeneinander preßt. Obschon die Sozialdemokratie auf einer wissen-schaftlich sehr anfechtbaren, größtenteils längst überwundenen Doktrinberuhte, mit allen ihren Übertreibungen und Auswüchsen, und trotz ihrerriesengroßen Gefahr für Wohl und Zukunft des Landes und des deutschenVolkes war die sozialdemokratische Bewegung doch vielfach der Ausdruckbegreiflicher, ja berechtigter Stimmungen, Gefühle und Ideale des Arbeiter-standes. Und endlich trug das Sozialistengesetz, wie seinerzeit die Kultur-kampfgesetze, in nur zu vielen Bestimmungen den Stempel seiner Aus-arbeitung durch die Bürokratie der inneren Ressorts. Die den Polizei-präsidenten der größeren Städte gegebene und von diesen gern benutzteBefugnis, die sozialdemokratischen Agitatoren auszuweisen, hatte zurFolge, daß auf diese Weise die sozialdemokratischen Irrlehren in Gegendengetragen wurden, die bisher von ihnen noch nicht verseucht waren. Wieim Kulturkampf schuf man Märtyrer der Gesinnung und stärkte dieBewegung, die man unterdrücken wollte. Und endlich sollte sich wiederzeigen, daß eine im geheimen betriebene Wühlerei gefährlicher ist als eineder öffentlichen Kritik und der Kontrolle durch die Öffentlichkeit unter-liegende Agitation.

Am 13. Juni fand die erste Sitzung des Berliner Kongresses statt.Fürst Bismarck begrüßte die Bevollmächtigten in knapper Ansprache,woraufer auf Antrag des ersten österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten,des Grafen Ajndrässy, zum Präsidenten des Kongresses gewählt wurde. AmAbend gab, umgeben von allen Prinzen und Prinzessinnen des KöniglichenHauses, der Kronprinz im Weißen Saal des altehrwürdigen Berliner Schlosses den Mitgliedern des Kongresses im Namen seines noch an dasSchmerzenslager gefesselten Vaters ein Festmahl. Mit dem Herzenstakt, derden Kronprinzen auszeichnete, hatte er, da sein Vater nicht anwesend war,den Thronhimmel aus dem Weißen Saal entfernen und an seiner Stelle das

Das

Sozialisten-

Gesetz

Eröffnung des

Berliner

Kongresses

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