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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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PRESTIGE-POLITIK

große Winterhaltersche Bild des Kaisers und Königs aufstellen lassen. DieKronprinzessin, die ihre englische Heimat nie verleugnete noch vergaß,hatte vor dem kronprinzlichen Paar den berühmten großen silbernenTafelaufsatz placieren lassen, der von der ersten Londoner Industrie-ausstellung stammte. Sie machte Lord Beaconsfield während der Tafel aufdieses Prachtstück aufmerksam. Der Earl lächelte geschmeichelt. Die hoheFrau hatte aus ihrer englischen Heimat neben manchem anderen Gutenauch Verständnis und Liebe für Blumen- und Obstkultur mitgebracht. Mankonnte nichts Anmutigeres sehen als die mächtigen Körbe mit dunkelrotenund hellen Rosen, als die Pyramiden von Kornblumen und Geranien, alsdie silbernen Schalen mit den schönsten Früchten, wie sie auf der Tafelprangten, die diesmal mit Rücksicht auf die Aufstellung des Winter-halterschen Gemäldes an der Fensterseite des Saales hergerichtet war.

Nicht lange nach dem Beginn des Diners erhob sich der Kronprinz undToast des brachte in französischer Sprache den nachstehenden Trinkspruch aus:DerKronprinzen i n Berlin versammelte Kongreß hat seine Arbeiten damit eingeleitet, daßer Wünschen für die Wiederherstellung Seiner Majestät des Kaisers, meineserhabenen Vaters, Ausdruck gab. Ich danke den Vertretern der Mächte fürdieses Zeichen von Sympathie. Im Namen meines erhabenen Vaters äußereich den Wunsch, Ihre Bemühungen durch ein Einverständnis gekrönt zusehen, welches das beste Unterpfand für den allgemeinen Frieden sein wird.Im Namen Seiner Majestät trinke ich auf das Wohl der Souveräne undRegierungen, deren Vertreter sich in Berlin versammelt haben. FürstBismarck hatte diesen Toast entworfen und ausdrücklich gebeten, denKongreß in französischer Sprache zu begrüßen.

Nach Aufhebung der Tafel ging ich mit meinem Vater über die LindenBismarck und die Wilhelmstraße nach der damaligen Dienstwohnung des Staats-und der Sekretärs des Auswärtigen Amtes, dem späteren Reichsschatzamt, wo ichKongreß jj e £ me inen Eltern abgestiegen war.Bismarck , sagte mir mein Vater,istungern an den Kongreß herangegangen. Je älter er wird, um so lästigerwerden ihm repräsentative Pflichten. Dazu kommt, daß er mit Recht dasOdium scheut, das unter Umständen mit dem Tagen des Kongresses geradein Berlin verbunden sein kann. Es ist nicht ausgeschlossen, daß entwederdie Russen oder die Österreicher oder die Engländer den Kongreß inimzufriedener Stimmung verlassen und Bismarck, der den Kongreß nachBerlin einberufen hat und ihm vorsitzt, für ihre Enttäuschung verant-wortlich machen. Bismarck sieht das auch ein. Aber er ist der Meinung, daßes notwendig ist, nachdem unser Prestige durch die beiden abscheulichenAttentate gegen den Kaiser einen Stoß erhielt, etwas für die Wieder-herstellung unseres Ansehens in der Welt zu tun. Gegen seine Gewohnheittreibt er in diesem Falle Prestige-Politik. Alles in allem wäre es wohl