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besser, wenn der Kongreß in der Schweiz stattgefunden hätte, in Luzern oder in Interlaken , meinetwegen auch in der Lagunenstadt Venedig. InDeutschland kann natürlich nur ein Deutscher dem Kongreß präsidieren.
Aher da es, wie Bismarck selbst meint, für uns vor allem darauf ankommt,aus dem ganzen orientalischen Wirrwarr, also auch aus seinem vorläufigenAbschluß, dem Kongreß, mit geschonten Beziehungen zu Österreich , zuEngland, vor allem zu Rußland herauszukommen, hätten wir in einer mitunserem Selbstgefühl und unserer Würde verträglichen Form das Präsidiumdes Kongresses Rußland zuschieben sollen. Das hätte ja in der Form ge-schehen können, daß ein in Berlin zusammentretender Kongreß unserenReichskanzler zum Präsidenten wählte und dieser dann vorschlug, demÄltesten, Erfahrensten, Weisesten usw. der Bevollmächtigten, also Gor-tschakow, die effektive Leitung der Verhandlungen zu übertragen. Dannwären die Eitelkeit von Gortschakow , das Selbstgefühl des Zaren und dasrussische Nationalempfinden befriedigt gewesen. Vor allem trügen dieRussen in diesem Falle die volle Verantwortung für Gang und Ausgang desKongresses. Nun, hoffen wir, daß das Genie unseres großen Bismarck auchjetzt wieder alles zum Besten lenkt. Aber den Amour-propre von Gor-tschakow sollten wir mehr schonen. Er hat immerhin als Kanzler einesgroßen Reichs während mehr als zwei Jahrzehnten eine bedeutende Rollegespielt. Was er jetzt vor allem wünscht und wozu wir ihm bei gutem Willen/helfen können, ist ein guter Abgang. Zu einem seiner Mitarbeiter, demStaatsrat Hamburger, hat er, wie dieser mir gelegentlich erzählte, vor nichtallzu langer Zeit gesagt: ,Je ne veux pas m’en aller comme une lampe quifile, mais comme un astre qui se couche.‘“ So mein Vater zu mir am13. Juni 1878,
In der Nacht vom 13. zum 14. Juni erwachte ich mit heftigen Hals-schmerzen. Ich glaubte zu ersticken und rang nach Luft. Unfähig zu Bülowsprechen, geschweige denn zu rufen, suchte ich nach einem Stock und mr< * operierttrommelte, so stark ich konnte, auf den Fußboden, da ich wußte, daß meinBruder Alfred gerade unter mir wohnte. Er kam denn auch bald, sah gleich,daß es übel um mich stand, und schickte nach unserem Hausarzt, demGeheimrat Leyden. Der machte ein bedenkliches Gesicht und erklärte esfür notwendig, sogleich Langenbeck, den berühmten Chirurgen, zu rufen.
Inzwischen wurde ein Tisch an mein Bett gestellt und darauf eine AnzahlMesser, Scheren, Zangen, Schwämme, Charpie und andere für eine Operationnotwendige Utensilien ausgebreitet, die so rasch wie möglich beschafftworden waren. Mein Bruder, den ich durch Zeichen bat, mich über dieSituation näher zu unterrichten, sagte mir: Leyden glaube, es werde, ummich vor Ersticken zu retten, der Luftröhrenschnitt notwendig sein.
Ich bat um Bleistift und Papier, wies Alfred schriftlich an, mir meine