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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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VIER ERDBEEREN

Handtasche zu holen, und ließ die Liebesbriefe, die sich darin befanden,vor meinen Augen verbrennen.

Inzwischen war Langenbeck erschienen. Wie von allen großen Ärztenging auch von ihm ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe aus. Er warwährend des Deutsch-Französischen Krieges Generalarzt der Armee ge-wesen. Nachdem er mich genau untersucht hatte, sagte er zu mir:ImGegensatz zu meinem Kollegen Leyden halte ich die Tracheotomie nochnicht für unbedingt geboten. Vielleicht können wir um die Operationherumkommen. Voraussetzung dafür ist, daß die Ahschwellung von selbsteintritt. Das kann nur geschehen, wenn Sie einige Stunden ruhig schlafen.Mit freundlichem Ausdruck, aber ernst und bestimmt fügte er hinzu:IhrHerr Vater hat mir gesagt, daß Sie bei den Königshusaren gestanden undden Winterfeldzug mitgemacht haben. Ich habe auch einen Sohn bei denKönigshusaren gehabt. (Ein Sohn des großen Chirurgen war in der Tat ausmeinem alten Regiment hervorgegangen. Er wurde später Komman-dierender General des II. Armeekorps. Als solchem begegnete ich ihm, alsich im Januar 1900 auf der Werft des Vulkan in Stettin dem Schnell-dampferDeutschland die Taufrede hielt.) Alle Königshusaren haben guteNerven. Ich erwarte, daß Sie jetzt einige Stunden wie ein Murmeltierschlafen werden. Dann legte er mir die Hand auf den Kopf und ging. Ichwandte den Kopf gegen die Wand, betete ein Vaterunser und schlief baldfest ein.

Inzwischen hatte meine gute Mutter den uns befreundeten General-superintendenten Büchsei, den Geistlichen der Matthiaskirche, die wir zubesuchen pflegten, gebeten, meiner fürbittend zu gedenken. Sie hat michoft daran erinnert, daß die Wendung zum Besseren gerade in der Stundeeingetreten sei, wo Büchsei meiner im Gebet gedacht hatte. Sie fügte immerhinzu:Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. (Jac. 5,15.)Als Langenbeck nach einigen Stunden wiederkam, war er zufrieden mitmir.Es geht besser! meinte er.Nun wollen wir in beide Mandeln und indas Zäpfchen einen tüchtigen Einschnitt machen. Die Inzision erfolgte.Dann holte Langenbeck aus einer kleinen Düte vier schöne Erdbeerenheraus.Die schickt Ihnen Seine Majestät der Kaiser, fügte er hinzu.Ich habe ihm von Ihrer Erkrankung erzählt. Er läßt Ihnen gute Besserungwünschen und schickt Ihnen diese Erdbeeren von den Früchten, die manihm heute zu seinem Frühstück an sein Bett gebracht hat. Unser alter Herrhat sich dabei freundlich über Sie ausgesprochen. Er erinnerte sich, daßGeneral Loe, Ihr früherer Kommandeur, Sie ihm gegenüber gelobt habe.Wenn ich an meine schwere Erkrankung von 1878 zurückdenke, so sageich mit dem guten Joachim Neander, dem Freund des großen PietistenSpener: