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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GROSSE SPANNUNG

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Lobe den Herrn, der künstlich und fein dich bereitet,

Der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet:

In wieviel Not

Hat nicht der gnädige Gott

Uber dir Flügel gebreitet!

Zwölf Tage nach meiner Erkrankung meldete ich mich wieder zumDienst. Ich sah noch sehr hlaß aus, und als ich die Treppe zum erstenStock im Reichskanzlerpalais heraufstieg, mußte mich Herbert Bismarck stützen, der sich während meiner Rekonvaleszenz täglich in der freund-schaftlichsten Weise nach meinem Befinden erkundigt hatte. Jetzt sagteer mir:Es wird Sie freuen, daß mein Vater, als Sie so krank waren, dieBemerkung hat fallen lassen: ,Hoffentlich kommt der junge Bülow durch.

Von den jüngeren Diplomaten ist er wohl der begabteste. Und, was wichtigerist als die Begabung: er hat Takt. 4

In der ersten Sitzung des Kongresses, der ich wieder beiwohnte, hieltGortschakow eine Rede, die bewies, daß Bismarck nicht unrecht hatte, Gortschakowwenn er ihn einen ganz großen Komödianten nannte. Gortschakow hatte gibt Er-den ersten Kongreßsitzungen wegen Krankheit nicht beiwohnen können. Klärungen abJetzt erschien er, von zwei Dienern gestützt, wie hundert Jahre früherLord Chatham, als er nach der Niederlage der Engländer bei Saratoga sichin das House of Lords tragen ließ, um dort gegen Nachgiebigkeit undschimpflichen Frieden zu protestieren. Weiter ging die Ähnlichkeit nichtzwischen dem ernsten und großen englischen Staatsmann und dem eitlenRänkeschmied, der Rußland auf dem Berliner Kongreß vertrat. NachdemGortschakow Platz genommen hatte, erklärte er in formvollendetemFranzösisch, er müsse, wenn er zum erstenmal an den Beratungen desKongresses teilnehme, einige Bemerkungen machen, die ihm durch dieLiebe zur Wahrheit und zu seinem Vaterland eingegeben würden, diewährend seines ganzen Lebens sein Tun bestimmt hätten. Während derletzten Beratungen, an denen er nicht habe teilnehmen können, hättenseine Kollegen im Namen Rußlands Zugeständnisse gemacht, die weitdiejenigen überschritten, die er zu machen gedacht habe. Dabei verbeugtesich Gortschakow mit sarkastischem Lächeln gegen Graf Peter Schuwalowund gegen den russischen Botschafter in Berlin, Baron Oubril. GroßeSpannung bemächtigte sich des Kongresses. Eine allgemeine Unruhe machtesich bemerkbar. Er kenne zu gut, fuhr Gortschakow fort, die loyalenGefühle seiner Kollegen, um etwas gegen die Zugeständnisse zu sagen, zudenen sie sich verpflichtet gefühlt hätten. Er wolle nur feststellen, daß dasgroße Rußland solche Opfer nur wegen seiner Liebe zum Frieden bringe,wie es ja auch den ganzen Krieg nur geführt habe, um den Christen imOrient zu helfen. Rußland verfolge keine selbstsüchtigen, keine heimlichen