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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BISMARCK LÄCHELT

Zwecke. Wie es lediglich für Christentum und Zivilisation gekämpft habe,so bringe es jetzt auch große Opfer für die Wiederherstellung des Friedens.Niemand werde den Ruhm der russischen Armee in Frage stellen, die soglänzende Siege errungen habe. Aber Rußland wolle der Welt zeigen, daßes die mit dem kostbarsten Blut errungenen Lorbeeren des Sieges gegen diePalme des Friedens einzutauschen wünsche.

Dieser Rede folgte tiefes Schweigen. Alle Teilnehmer des KongressesDUra&li sahen sich verdutzt an. Bismarck, dem Phrasen auf die Nerven gingen,antwortet lächelte sarkastisch. Beaconsfield , der kein Französisch verstand, ließsich zunächst die Rede des russischen Kanzlers übersetzen. Dann erhob ersich und erwiderte mit einem ungemein wohlklingenden Organ, mit demTonfall eines großen Redners, indem er sich gegen Gortschakow verbeugte:Ich bin überzeugt, der Dolmetscher der Gefühle des Kongresses zu sein,wenn ich der tiefen Bewunderung Ausdruck gebe, mit der mich die Redemeines edlen und erlauchten Freundes erfüllt hat. Ich bin glücklich in demGedanken, daß es der Wunsch nach Frieden war, der die EntschließungenRußlands in den letzten Beratungen geleitet hat. Im Namen dieses Kon-gresses, der mir zuhört, möchte ich das anerkennen, und ich hoffe, daß alleunsere Beratungen auch weiterhin von so edlen Gefühlen erfüllt seinwerden.

Während der Abwesenheit von Gortschakow hatten Schuwalow undDie Bulga- Oubril die von England und Österreich gewünschte Regelung der B ul-rische Frage garischen Frage akzeptiert. Rußland verzichtete auf ein einheitlichesBulgarien nördlich und südlich des Balkans bis zum Ägäischen Meer, wiees der Vertrag von San Stefano in Aussicht genommen hatte, und gab sichmit einem Bulgarien nördlich des Balkans zufrieden. Der südliche Teiljenes Neu-Bulgariens sollte unter dem Namen Ostrumelien organisiertwerden. England und Österreich wollten die Türkei südlich des Balkans alslebensfähige Macht konservieren. Dafür wurden Rußland zwei wichtigeKonzessionen gemacht: Einmal sollten zwar alle Donaufestungen geschleift,aber sämtlich einschließlich Varnas dem neuen Fürstentum Bulgarien überantwortet werden. Dann wurde diesem auch Sofia zugeteilt, von woaus der Balkan leicht umgangen werden konnte. Dem retrospektiven Be-trachter tritt deutlich vor Augen, wie häufig und wie sehr sich auch erfahreneDiplomaten über die Folgen ihrer Entscheidungen täuschen können. Aufdem Berliner Kongreß vertraten die russischen Delegierten mit lebhaftemund unermüdlichem Eifer alle bulgarischen Wünsche. Jeden Widerspruchwaren sie geneigt als eine Rußland zugefügte Kränkung zu betrachten.Kaum ein Jahrzehnt später sah Rußland in Bulgarien einen Gegner, undwährend des Weltkrieges focht Bulgarien gegen Rußland .Was er webt,das weiß kein Weber.