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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN ENGLISCHER VORSCHLAG

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Am 28. Juni verlas beim Beginn der Sitzung Graf Andrässy ein langesMemorandum, in dem darauf hingewiesen wurde, daß Österreich während Österreich sollmehr als einem Jahr unter der Insurrektion und der Agitation in den BosnienNachbarländern an seinen Grenzen zu leiden hatte. Österreich-Ungarn kupierenhabe über hundertfünfzigtausend bosnische Flüchtlinge aufnehmen müssen,die sich hartnäckig weigerten, nach Bosnien zurückzukehren, so lange ihreHeimat unter türkischer Herrschaft verbleibe, die ihnen weder Existenznoch Schutz gewähre. Die Türkei sei augenscheinlich nicht in der Lage, dieOrdnung in diesen Provinzen aufrechtzuerhalten, die sich in einem un-beschreiblichen Zustand von Elend und revolutionärer Agitation befänden.

Es bestehe die Gefahr, daß dieses Elend und diese Agitation auf dieslawische Bevölkerung der angrenzenden ungarischen Monarchie über-greifen werde. Wenn der Kongreß die Fortdauer solcher Zustände gestatte,nähme er eine sehr ernste Verantwortung für die künftige Ruhe Europas auf sich. Graf Andrässy schloß:Ich verlange nicht, daß Bosnien vonÖsterreich-Ungarn annektiert wird. Ich wünsche nur, der Kongreß mögeüberhaupt zu einem Entschluß kommen. Sobald dieser praktisch erscheint,wird Österreich-Ungarn ihm beitreten.

Darauf erhob sich derMarqueß of Salisbury . Er verlas ein Memoire,in dem er erklärte, England sei durchdrungen von der Gerechtigkeit derBemerkungen des ersten österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten. Dasein edler Freund, der Graf Andrässy, die offene Aneignung von Bosnienzurückweise und sich mit der Annexion zur linken Hand begnüge, schlage erdem Kongreß vor, zu beschließen, daß Österreich-Ungarn beauftragt werde,

Bosniern und die Herzegowina zu okkupieren und zu verwalten. Esliege im Interesse Europas , diese Provinzen unter den direkten Schutz einesmächtigen Staates zu stellen. Dieser Staat könne einzig und allein Österreich-Ungarn sein, der unmittelbare Nachbar Bosniens und der Herzegowina.Österreich-Ungarn falle die Aufgabe zu, die Insurrektion dort zu Endezu bringen.

Für Frankreich schloß sich Waddington dem englischen Vorschlägemit Enthusiasmus an. Er hob hierbei hervor, daß diese Regelung auch demwohlverstandenen Interesse der Türkei entspräche. Der italienische Be-vollmächtigte, Graf Cor ti, erklärte seine Zustimmung, aber ohne besondereFreudigkeit. Er ahnte, daß das italienische Volk, gewohnt, bei jedergrößeren europäischen Komplikation zu profitieren, mit ihm unzufriedensein werde, wenn er mit leeren Händen von Berlin nach Rom zurückkehre.

Fürst Gortschakow, der zwei Jahre früher das Reichstadter Abkommenmit Graf Andrässy abgeschlossen hatte, sprach seine volle Zustimmungaus:La motion anglaise relative ä la Bosnie et ä la Herzegovine rentre dansles vues generales de la Russie, et je lui donne mon entiere adhesion. Ich