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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DAS DANAERGESCHENK

hörte schon damals, zwischen Österreich-Ungarn und Rußland seibrieflich während des Kongresses abgemacht worden, daß Österreich-Ungarn, wenn ihm dies im Interesse der Ruhe auf dem Balkan und für denFrieden Europas zweckdienlich erscheine, die Okkupation mit Zustimmungder Großmächte in eine Annexion verwandeln könne. Der englische V orschlagwurde vom Kongreß einstimmig angenommen. Nur der türkische Be-vollmächtigte legte eine schüchterne Verwahrung ein. Er wurde von LordBeaconsfield sarkastisch, von Fürst Bismarck fast grob zurechtgewiesen.Niemand im Kongreßsaal ahnte, daß die Angliederung Bosniens und derHerzegowina für Österreich-Ungarn ein Danaergeschenk sein und daß vonhier sechsunddreißig Jahre später der Anstoß zum Zusammenbruch deralten habsburgischen Monarchie kommen würde.

Am 29. Juni erledigte der Kongreß die Griechische Frage. Frankreich Die und Italien beantragten eine Grenzrektifikation zugunsten Griechenlands ,Griechische wenn möglich im Einvernehmen der Griechen mit der Pforte, eventuellF ra S e unter Vermittlung der Mächte. England zeigte anfänglich Bedenken, diees aber bald aufgab. Rußland unterstützte rückhaltlos den französisch-italienischen Vorschlag. Die armen Türken, deren Widerstand allmählicherlahmte, schützten Mangel an Instruktionen vor. Am Abend des 29. Junisagte Fürst Bismarck im Salon seiner Frau vor mir lächelnd und freundlichzu meinem Vater:Die Konzessionen an Griechenland waren ein Akt derCourtoisie für Ihren ältesten Herrn Sohn, der übrigens seine Sache in Athen ganz gut gemacht hat.

Sehr interessant waren die ersten Julitage, in denen die Serbische, dieDrei neue Montenegrinische und die Rumänische Frage erledigt wurden. AlleFürstentümer drei Fürstentümer wurden für unabhängig von der Pforte erklärt, woreindiese schon durch den Vertrag von San Stefano gewilligt hatte. Den dreineugeschaffenen Staaten wurde auf französischen Antrag die Gleichstellungaller Konfessionen auferlegt. Diese letztere Bestimmung galt besondersden Rumänen, die zwar von den in großer Zahl innerhalb ihrer Grenzenlebenden Israeliten die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten ver-langten, ihnen aber alle politischen Rechte systematisch verweigerten.Fürst Bismarck trat dem darauf bezüglichen französischen Vorschlag mitWärme bei. Er verwies auf die deutsche Reichsverfassung und erklärte, diedeutsche öffentliche Meinung verlange, daß der in Deutschland geltendeGrundsatz der Gleichberechtigung aller Konfessionen auch in der deutschen auswärtigen Politik zur Anwendung gelange. Serbien erhielt Nisch, Montenegro Podgoritza, aber beide keinen Hafen an der Adria. Von allenMächten im Stich gelassen, mußten die Rumänen Bessarabien wieder anRußland abtreten. Dagegen erhielten sie die Dobrudscha, einen Landstrichvon Silistria bis Mangalia am Schwarzen Meer, und die Schlangeninsel.