BLOWITZ WILL BÜLOW LANCIEREN
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Er stammte wie Kautsky , dem nach dem Novemberumsturz dieRevolutionsregierung die deutschen Archive mit allen Geheimberichtenauslieferte, aus Böhmen und hieß eigentlich Oppert, hatte aber diesenNamen, der ihm nicht gefiel, mit dem besser klingenden seines Geburtsortesvertauscht. Nach Frankreich verschlagen, wurde er Hauslehrer in derFamilie eines Marseiller Kaufmanns. Es gelang ihm, das Herz der Mutterseines Zöglings zu erobern, was mich bei seinem wenig vorteilhaftenÄußernimmer gewundert hat. Die Frauen sind nun einmal unberechenbar. Beieiner im Hafen von Marseille unternommenen Bootfahrt sollen Biowitz undseine Angebetete den schlafenden Gatten über Bord geworfen undruhig haben ertrinken lassen. Ungefähr wie bei Zola in seinem spannendenRoman Therese Raquin und ihr Amant sich des armen Mr. Raquinentledigen. Seine Stellung in Paris verdankte Oppert-Blowitz HerrnThiers, dem er während der ersten bewegten Jahre seiner Präsidentschaftwertvolle Informationen geliefert und für den er gleichzeitig durch dasSprachrohr der „Times“ die englische öffentliche Meinung gewonnen hatte.
Wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, hatte Biowitz gegenIntrigen anzukämpfen und Schwierigkeiten zu überwinden. Einmal war erbei Mr. Walter, dem Besitzer der „Times“, wie er behauptete, durchHolstein, den er für den größten Intriganten unter der Sonne hielt underklärte, so sehr angeschwärzt worden, daß Mr. Walter beschloß, nachParis zu fahren und dort selbst nach dem Rechten zu sehen. Plötzlicherschien er bei Biowitz. Ohne einen Augenblick die Contenance zu verlieren,bat ihn dieser zum nächsten Tage zu Tisch, ä la fortune du pot, wie er aus-drücklich betonte. Als Walter in der eleganten Wohnung von Biowitzerschien, fand er dort alle in Paris akkreditierten Botschafter und denpäpstlichen Nunzius versammelt. In degagiertem Ton sagte Biowitz zuletzterem: „Mon eher ami, faites la maitresse de la maison et prenez placeen face de moi.“ Dann ging man zu Tisch. Mr. Walter saß zwischen demenglischen und dem deutschen Botschafter, Lord Lyons und Fürst ChlodwigHohenlohe . Als er sich empfahl, bat er Biowitz, ihm zu erlauben, seinGehalt erheblich zu erhöhen. Ein Mann in solcher gesellschaftlicher Stellungsei wert, in Gold gefaßt zu werden. Bei einem Fest, das ich ein Jahr vormeinem Rücktritt dem in Berlin tagenden Internationalen Pressekongreßim Garten des Reichskanzlerpalais gab, erzählte ich den Teilnehmern desKongresses über ein persönliches Erlebnis mit Biowitz. „Als ich“, sagte ichden Herren, „es war Anfang der achtziger Jahre, an unserer Pariser Bot-schaft tätig war, da frug ich einmal, ich war in melancholischer Stimmung,ich fand, mein Avancement ginge nicht rasch genug, in der Armee nenntman das die Leutnantsmelancholie, den Vertreter der ,Times 4 , HerrnBiowitz, der ein kluger Mann war, ob ich Aussichten im Journalismus