Druckschrift 
4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
Seite
446
Einzelbild herunterladen
 

446

DER REICHSHUND TYRAS

haben würde. , Sofort bringe ich Sie an, erwiderte mir Herr Biowitz, ,mitdreißigtausend Franken jährlich . 4 Das hat damals mein Selbstvertrauengestärkt, und noch heute macht die Erinnerung mir Vergnügen *. 44 Es lagin der Natur der Dinge, daß Biowitz als naturalisierter Franzose in ersterLinie französische Interessen verfolgte, in zweiter als Korrespondent derTimes englische Gefühle schonte. Als er während des Berliner Kongressesbald die persönliche Spannung zwischen Bismarck und Gortschakow erkannt hatte, rieb er publizistischen Pfeffer in die ihm erfreuliche Wund-stelle und legte hei der Wiedergabe seiner einmaligen Unterredung mitBismarck, die er nach und nach zu einem wahren Bandwurm von Korre-spondenzen in derTimes verarbeitete, dem deutschen Reichskanzlerunfreundliche, ja boshafte Äußerungen über Gortschakow in den Mund.

Persönliche Empfindungen politisch einflußreicher Personen, mögen sienun Staatsoberhäupter oder Minister, Deputierte oder Publizisten sein, ihreSympathien oder Antipathien, vor allem ihre Rankünen waren immer vonerheblichem Einfluß auf die Beziehungen der Völker zueinander und damitauf die Gestaltung ihrer Zukunft. Sie werden es auch bleiben, denn derMensch ist im Grunde immer der gleiche, mag er sich auf dem Parkett derHöfe bewegen oder es vorziehen, abends auf seiner Stammkneipe bei einerkühlen Blonden mit einer Strippe einen Skat zu dreschen.

Es war das Pech von Gortschakow, daß ihm, als er einmal abends imGortschakow Salon der Fürstin Bismarck erschien, der Reichshund Tyras zwischen diewird Beine lief und er der Länge nach hinfiel. Aber daß dieser kleine Vorfallridikülisiert so f or t i n die Presse gebracht und dort mit Behagen breitgetreten wurde, umden achtzigjährigen Greis zu ridikülisieren, war weder geschmackvoll nochgeschickt. Bismarck sagte die Wahrheit, wenn er in manchen Reden, invielen Erlassen nach St. Petersburg und in zahllosen Unterredungenbetonte, er habe auf dem Berliner Kongreß die russischen Interessen soeifrig vertreten und gefördert, daß er sich den Andreasorden verdient habenwürde, wenn er ihn nicht, und zwar mit Brillanten, bereits besessen hätte.Aber gerade für das politische Leben gilt das Wort des griechischenSophisten, daß der Schein oft wichtiger sei als die Wirklichkeit. Untereifriger Nachhilfe des verärgerten und leider auch in seinem hohen Alterund trotz seines körperlichen Verfalls für Intrigen und Bosheiten nochimmer geschickten Gortschakow gelang es, dem russischen Publikum ein-zureden, daß Bismarck auf dem Berliner Kongreß Rußland verraten undgeschädigt habe.

Der bedeutendste der Teilnehmer am Kongreß war nach BismarckDisraeli longo sed proximus intervallo zweifellos Disraeli . Es spricht für die

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 332; Kleine Ausgabe V, S. 260.