DER TREUE FRITZ
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dekorieren. Radowitz, der schon Gesandter war, bekam einige Großkreuze,
Holstein nur Kommandeurkreuze. Also nicht Sterne auf der Brust, sondernnur Kreuze um den Hals. Statt sich nun auf den Standpunkt von LudwigUhland zu stellen, der am 18. Oktober 1816, dem Jahrestag von Leipzig ,in einem seiner schönsten Gedichte stolz herabblickt auf die Fürstenrät’und Hofmarschälle mit trübem Stern auf kalter Brust, empfand Holstein esals eine tödliche Beleidigung, daß er unter den jüngeren Radowitz rangiertworden war, und verfolgte ihn seitdem mit einem pathologischen Haß.
Seine Erregung war um so sinnloser, als er seit dem Arnim-Prozeß nichtmehr in Gesellschaft ging, nie einen Orden anlegte und nicht einmal einenFrack besaß.
Das Haus Bismarck stellte sich bei diesem Zwist zwischen Radowitz undHolstein auf die Seite des letzteren. Der Fürst hatte Radowitz schon alsSohn seines Vaters, des ihm seit 1850 verhaßten Trägers der damaligenUnion-Politik, nie recht gemocht. Ich habe den Fürsten Bismarck selbsterzählen hören, daß er im November 1850, nach dem Eintreffen der Nach-richt von dem Rücktritt des Ministers Radowitz, aus Freude eine ganzeFlasche Sekt getrunken habe. In Holstein erblickte der Fürst den Treuestender Treuen und hat an diesem Glauben unbekümmert um alle Warnungenbis zum 20. März 1890 festgehalten. Auch die gute Fürstin Bismarck liebteRadowitz nicht, schon weil er pechschwarze, romantisch zurückgekämmteHaare hatte, einen aufgedrehten Schnurrbart und sogar ein Monokel trugund sehr viel sprach („schwatzte“). Seine russische Frau konnte sie erstrecht nicht leiden. Dagegen behandelte sie Holstein in gerührter Erinnerungdaran, daß er schon zwanzig Jahre früher als Attache der Gesandtschaft inSt. Petersburg von ihr liebevoll aufgenommen worden war, wie ein Kinddes Hauses. Herbert Bismarck stand, so lange er denken konnte, unter demEinfluß des „treuen Fritz“, so wurde Holstein im Hause Bismarck genannt,der dem jüngeren Herbert nicht nur durch sein perfektes Französischimponierte, sondern der ihm an Gedankenschärfe und Umsicht, vor alleman Verschlagenheit, überlegen war.
Die gute Meinung des Hauses Bismarck über Holstein wurde nur vondem nüchternen Bill nicht ganz geteilt. Holstein, der seine Augen überall Wilhelmhatte, alles und alle beobachtete, hatte auch mir seine Aufmerksamkeit Bismarck schon früh zugewandt, wohl weniger um meiner selbst willen, als weil ich S e S ender Sohn des Staatssekretärs und persönlichen Freundes des Fürsten Bis-marck war. Er benutzte während des Kongresses jeden Anlaß, mirkleine Aufmerksamkeiten zu erweisen. In diesem ersten Stadium unsererBekanntschaft hatte ich einmal eine längere Unterredung über Holstein mitBill Bismarck, mit dem ich eine Land- und Wasserpartie nach Stralaumachte. „Was ich von Holstein halte, wollen Sie wissen?“ meinte Bill in