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DIE KATZE LÄSST DAS MAUSEN NICHT
seiner behaglichen Art, während er in einem ländlichen Gasthause eineZigarre nach der andern rauchte und ein Glas Bier nach dem anderntrank. „Ja, das ist eine ziemlich komplizierte Chose. Holstein steht uns seitJahren sehr nahe. Vater hält ihn für ungewöhnlich brauchbar und hautHäuser auf ihn. Mutter verzieht ihn und schiebt ihm bei Tisch die bestenStücke zu. Was mich angeht, so leugne ich nicht die große Begabung vonHolstein, weder sein brillantes Französisch und Englisch noch seinenScharf- und Spürsinn. Ich will auch hoffen, daß Holstein, wenn er einmalauf die Probe gestellt werden sollte, sich wirklich als treu wie Gold be-währen wird, wie das Herbert von ihm rühmt und erwartet. Es sind aberzwei Dinge, die mir an ihm nicht gefallen. Er leidet an einer fast patho-logischen Verfolgungsmanie. Da er sehr empfindlich ist und überaus miß-trauisch, findet diese Manie immer neue Nahrung. So hetzt er bei meinemnun einmal reizbaren und selbst reichlich argwöhnischen Vater immerwieder gegen andere, heute gegen Hinz und morgen gegen Kunz. Holsteinist ein dissolvierendes Element. Alles in allem halte ich ihn für kein gutesElement.“ So Bill Bismarck, während um uns herum Berliner Ausflüglerund Ausflüglerinnen sich unter Gelächter und Gekreisch aus ihren Bootenmit Wasser bespritzten und mit Obstkemen bombardierten.
Nicht lange nach dem Schluß des Kongresses suchte mich Holstein inHolstein meinem Arbeitszimmer auf. Nachdem er mir Radowitz als einen völligkommt zu unbrauchbaren Beamten geschildert hatte, kam er in sehr gewundenenBülow Gedankengängen auf die Stellung meines Vaters und auf meine eigeneZukunft zu sprechen. Mein Vater schade sich nicht nur beim FürstenBismarck, sondern auch in der Öffentlichkeit, wenn er einen Scharlatan wieRadowitz protegiere, der überall erzähle, er habe den Staatssekretär ganzin der Tasche, der nur von seiner Arbeit und seinem Geist lebe. Ich selbsttäte klüger, nicht auf die Karte Radowitz zu setzen. Mein Vater mögeRadowitz so bald wie möglich nach Athen zurückschicken. Beim Kanzlerwerde er damit auf keinerlei Widerstand stoßen. Das von Radowitz bis-her verwaltete orientalische Dezernat könne ich übernehmen. Ich würdedie Sache viel besser machen als Radowitz. Ich antwortete Holstein aus-weichend und erzählte meinem Vater am nächsten Tag unser Gespräch. Derschüttelte den Kopf: „Die Katze läßt das Mausen nicht und Holsteinnicht das Intrigieren. Er entwickelt sich allmählich zu einem recht ge-fährlichen Intriganten. Das ist auch die Ansicht von Bücher und ClemensBusch. Leider hat der Fürst für Radowitz in der Tat nicht viel übrig.Ich werde aber meinen Schild über Radowitz halten, und ich hoffeund denke, der Fürst wird mir, wie fast immer gerade in Personalien,meinen Willen lassen. Radowitz ist ein fleißiger, kenntnisreicher und be-gabter Beamter. Daß du ihn jetzt ersetzen könntest, ist Unsinn, vielleicht