DAS GENIE LÄSST SICH NICHT KOPIEREN
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in acht oder neun Jahren. Aber jetzt bist du noch nicht tanti. Du hast jaauch, wie du mir oft gesagt hast, keine Lust, in das Auswärtige Amt ein-berufen zu werden. Ich werde dich als Zweiten Sekretär nach Paris schicken.Bismarck ist damit einverstanden, und du paßt gut nach Paris . Sage abervorläufig davon nichts zu Holstein, der dich, wie mir vorkommt, nicht inParis haben möchte.“ Holstein kam noch einige Male auf seinen Planzurück, ich ließ ihn abfallen.
Wenn mein Vater mir verständigerweise nicht jetzt schon und dauernddas orientalische Dezernat übertragen wollte, dem ich noch nicht ge-wachsen war, so beschäftigte er mich dafür während der drei Monate nachdem Auseinandergehen des Kongresses der Reihe nach in allen Dezernatender Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, was für meine Aus-bildung sehr nützlich war. Ich mußte tüchtig arbeiten und benutzte auchdie Zeit fleißig zum Aktenlesen, um nach Möglichkeit in Ziele und Art derBismarckschen Politik einzudringen. „Das Genie läßt sich nicht kopieren“,sagte mein Vater oft zu mir. „Nichts wäre törichter, als Bismarck nach-machen zu wollen. Aber, was man von ihm lernen kann, ist der Blick für dieRealitäten in der Politik, die Verachtung für die Theorie, die uns Deutschen seit jeher so teuer ist. Auch von der wissenschaftlichen Methode, die inDeutschland vielfach empfohlen wird, mag Bismarck nichts hören. Ihm istdie Politik nicht eine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Lerne von unsermgroßen Bismarck vor allem und für dein ganzes Leben die Gewissenhaftig-keit im Großen wie im Kleinen, die Vorsicht, das Abwägen, den leiden-schaftlichen, unbeirrbaren Patriotismus, die unerschütterliche Anhänglich-keit an Preußen, an das Deutschtum, an die Monarchie, an die Armee, analles, was uns groß gemacht hat und uns allein groß erhalten kann.“
Ende September meinte Geheimrat Leyden, nachdem er mich unter-sucht hatte, daß ich, um die letzten Nachwehen meiner gefährlichen Hals-entzündung zu überwinden, noch einige Seebäder nehmen möge. Da sich inder vorgeschrittenen Jahreszeit Nordseebäder nicht empfahlen, wurde ichnach Biarritz geschickt. Vor meiner Abreise wohnte ich im BismarckschenHause einem Diner bei, das zu Ehren der Verlobung der einzigen Tochter,der damals dreißigjährigen Gräfin Marie, mit dem Grafen Kuno Rantzau stattfand. Mein Vater, der die in der neuen Zeit seltener gewordene Gabebesaß, hübsche Toaste auszubringen, auch aus dem Stegreif, sprach in nichtnur formvollendeten und geistvollen, sondern auch von Herzen kommendenund zu Herzen gehenden Worten dem Brautpaar seine und unser allerGlückwünsche aus. Die gute Fürstin Johanna weinte vor Rührung, und derFürst umarmte und küßte meinen Vater. Ein Bismarckscher Hausfreund,der ausgezeichnete Goethe-Forscher und Goethe-Kenner Gustav vonLoeper, meinte zu mir: „Das war abgeklärter Goethescher Geist, ein Labsal
Politische
Abteilung
MarieBismarckund GrafRantzau