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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER PRINZ VON WALES IN PARIS

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der Präsident der Republik, der Marschall Mac Mahon , am 1. Mai 1878mit großem Pomp eröffnet hatte. Ich habe sie mir nicht angesehen. Ichfinde es ganz in der Ordnung, daß der Techniker Weltausstellungen besuchtund eifrig studiert, denn hier kann er Vergleiche anstellen, erkennen, woder andere voraus und wo er selbst noch im Rückstände ist. Wer aber, wieich, nicht Fachmann ist und dabei ohneCant (man erlaube mir dentrefflichen englischen Ausdruck), dem sei es vergönnt, offen zu sagen, daßnichts gleichzeitig ermüdender und langweiliger ist als eine Ausstellungund nun gar eine Weltausstellung. Der Anblick eines schönen Bildes, dieLektüre eines guten Buches gewähren mir mehr innere Befriedigung.Der französischen Eitelkeit hatte der Erfolg der Ausstellung sehr ge-schmeichelt.

Zu der Eröffnungsfeier hatte sich der Prinz von Wales eingefundenund eine Rede gehalten, in der er seiner Vorliebe für Frankreich über-schwenglichen Ausdruck verlieh. Der englische Thronfolger schwärmte seitseiner frühesten Jugend für Frankreich. Deutschland war ihm immerantipathisch gewesen. Die Schuld lag an seinem Vater, dem Prinzen Al-bert von Sachsen-Coburg-Gotha , einem sittlich hochstehenden, sehr gebil-deten Mann, der, obwohl erfüllt von seiner Würde als Prince-Consort undpolitisch ganz englisch gerichtet, in vielem ein deutscher Philister gebliebenwar. Als solcher leitete er die Erziehung des zukünftigen Königs vonEngland , der unter dem Eindruck einer solchen Erziehung sich nie wiedervon der Vorstellung freigemacht hat, daß Deutschtum mit spießbürger-lichem Wesen, Moralpredigten, Drill und Zwang identisch sei. Wenn ereinen Mann ledern, ungewandt und weltfremd fand, so sagte er von ihm:He is tiresome and tedious like a German Professor. Wenn eine Dameihm aller Grazie und jeder Eleganz zu entbehren schien, so verglich er siemit einemGerman Frauchen. In dieser Auflassung wurde Prinz Eduardvon zwei ihm nahestehenden Frauen bestärkt: von seiner anmutigen Gattin,die als Dänin Deutschland und die Deutschen nicht ausstehen konnte, undvon seiner Schwester, der deutschen Kronprinzessin und späteren KaiserinFriedrich, die sich aus dem ihr unsympathischen Potsdam nach ihrer, wiesie meinte, freieren und jedenfalls großartigeren Heimat sehnte, wie Iphi-genie in Tauris, das Land der Briten mit der Seele suchend. Der Prinz vonWales war klug genug, bald zu merken, daß er den Engländern um sobesser gefiel, je mehr er sich in Lebensgewohnheiten und Äußerlichkeitenals echter Engländer gab. Er hörte von allen Seiten, daß sein Vater inEngland zwar geachtet worden, aber trotzdem im Grunde unbeliebtgeblieben sei, weil er, wie sich der Earl of Granville einmal ausdrückte, allejene deutschen Tugenden besaß, die der Engländer nicht mag, dagegenkeinen der Fehler, die man als englische Fehler bezeichnen kann. Der Prinz

Der englischeThronfolger