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IM WELTBAD
von Wales hatte die Befreiung des meerumschlungenen Schleswig-Holstein durch den Krieg von 1864 für einen Schandfleck in der deutschen Ge-schichte erklärt. Er hatte 1866 gefunden, daß Österreich für Recht undGerechtigkeit kämpfe, und vollends im Deutsch -Französischen Kriegeseine franzosenfreundliche Gesinnung so unverhüllt zur Schau getragen,daß der Premierminister Gladstone ihm ernstliche Vorstellungen machenund schließlich seine würdige Frau Mutter ihm eine Rüge erteilen mußte.
Schon im Sommer 1878 lag zu Tage, daß die Pariser Weltausstellung nicht nur an und für sich ein Erfolg war, sondern daß sie auch Frankreich die Möglichkeit geboten hatte, wenige Jahre nach seiner Niederlage imDeutsch -Französischen Kriege, nach dem blutigen Bürgerkrieg der Com-mune, der zweimonatigen Herrschaft des Sozialismus in der HauptstadtParis seine Vitalität, seine Elastizität und vor allem seine in leidenschaft-lichem Patriotismus verankerte Staatsgesinnung zu betätigen. Und alleeuropäischen Nationen wetteiferten, Frankreich ihre Sympathie zu be-zeigen. Außer dem Prinzen von Wales hatte sich auch der Prinz Amadeusvon Italien, der zweite Sohn des Königs Viktor Emanuel, als Vertreterseines Vaters in Paris eingefunden.
Nach kurzem Aufenthalt in der französischen Hauptstadt setzte ichmeine Reise mit dem spanischen Expreßzug fort und traf anscheinend wohlin Biarritz ein. Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem Erstickungs-anfall, ähnlich dem Anfall, der mich nicht lange vorher in Berlin heim-gesucht hatte. Während vor meinem Fenster die Kurkapelle flotte Oflen-hachsche Melodien spielte, die südliche Sonne in mein Zimmer schien undder Atlantische Ozean rauschte, war mir recht elend zumute. Ich rang nachLuft und glaubte mir Erstickung und Tod nahe. Ich klingelte, man riefeinen Arzt. Zu den Ärzten, denen ich bis heute dankbar geblieben bin,gehört außer meinem treuen Freund Renvers und meinem Arzt in BadOeynhausen, dem Dr. Cohn, der mich trotz meines damals ziemlich un-befriedigenden Gesundheitszustandes nicht abhielt, mich als Kriegs-freiwilliger zu melden, auch der Doktor Adhema in Biarritz. Nachdem ermir in den Hals gesehen hatte, holte er aus seiner Brusttasche eine scharfeSchere heraus, mit der er mir in Zäpfchen und Mandeln schnitt. Die Zunge,meinte er, würde auch ohne Inzision wieder abschwellen. Wir könnten sievorläufig in Ruhe lassen und die Lippen und die Augen auch. Er war inseiner Jugend Militärarzt gewesen und hatte unter Bugeaud, dem populärenund in dem berühmten Soldatenliedchen von der Casquette du Pere Bugeaudgefeierten Marschall gegen Abd-el-Kader, den Emir von Maskara, gedient.Solche plötzliche Anschwellung des Halses war ihm während seiner Dienst-zeit mehrfach als Folge starker und plötzlicher Klimawechsel vorgekommen.Er meinte, meine beiden Attacken seien wohl die Folge des raschen Über-