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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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CHLODWIG HOHENLOHE

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Marinetruppen fast eine Million Soldaten auf die Beine gebracht. Auxarmes, citoyens! Wenn Gambetta auch nicht wie der Konvent vierzehnArmeen aus der Erde stampfte, so stellte er doch noch vier Heere ins Feld:die Loire-Armee bei Orleans , die Ost-Armee bei Besan^on und zwei Heere,gegen die ich als junger Husar gefochten habe: die West-Armee bei Rouen und die Nord-Armee bei Lille . In Bordeaux tagte die französische National-versammlung, die dem am 10. Mai 1871 zwischen dem Deutschen Reich undder Französischen Republik abgeschlossenen Frieden ihre Zustimmungerteilte.

In Paris wurde ich von meinem neuen Chef, der mich schon in Berlin Bülows neuer während des Kongresses kennengelemt hatte, mit großer LiebenswürdigkeitChef

empfangen. Chlodwig Fürst von Hohenlohe-Schillingsfürst , Prinzvon Ratibor und Corvey, Botschafter des Deutschen Reichs bei der Fran-zösischen Republik, Ritter des preußischen hohen Ordens vom SchwarzenAdler, Königlich Bayrischer Kron-Oberst-Kämmerer, war nicht nur durchGeburt und Stellung, sondern im innersten Kern ein Grandseigneur. Dabeikonnte man sich kaum ein bescheideneres Auftreten denken als das seine.Er hatte in seinem Wesen fast etwas Schüchternes. Nicht als ob es ihm aninnerem Stolz gefehlt hätte. Er vergaß nie, daß sein Haus seinen Ursprungauf den Herzog Eberhard von Franken zurückführte, den Bruder des deut-schen Königs Konrad I. Dieser Stolz bildete sozusagen sein moralischesRückgrat auch in schwierigen Situationen. Als bayrischer Ministerpräsidentund Minister des Äußern hatte er von 1867 bis 1870 gegenüber der klerikal-partikularistischen Opposition in der Bayrischen Kammer einen schwerenStand gehabt. Die klerikalen Partikularisten, die sich komischerweisePatrioten nannten, waren rauh und grob und nahmen kein Blatt vor denMund. Sie ermangelten durchaus jenes Anstandes, den Schiller an demNadowessier rühmt,als ers Licht noch sah. Fürst Chlodwig Hohenlohe war kein Redner und ist es auch später als Reichskanzler nicht geworden.Er konnte nur mühsam einige Worte von einem ihm von einem seiner Unter-gebenen zugesteckten Blättchen Papier ablesen, wenn er durchaus auf einenAngriff replizieren mußte. Unter solchen Bedingungen hat er wochenlangdem Ansturm derPatrioten standgehalten, als Uhu in der Krähenhütte,um einen Bismarckschen Ausdruck zu gebrauchen. Als ich viele Jahrespäter den bayrischen Gesandten in Berlin, den Grafen Hugo Lerchenfeld,der damals im bayrischen Ministerium des Äußern gearbeitet hatte, frug,wie Fürst Hohenlohe diese Situation habe ertragen können, meinteLerchenfeld:Ja, sehen Sie, er empfand eine solche innerliche Miß&chtungfür diese parlamentarischen Seifensieder, daß deren Schelten und Schimpfenihn so wenig beeindruckte wie der Dreckwurf eines Buben auf der Straße.Er kam aus der Kammer immer in vergnügter, jedenfalls gleichmütiger

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