DER SANFTMÜTIGE
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Stimmung nach Hause.“ Solche „aequa mens“ bewahrte Fürst ChlodwigHohenlohe auch gegenüber Widerstand und Feindschaft seiner Standes-genossen.
Nachdem er als bayrischer Ministerpräsident gestürzt worden war, ver-brachte er einige Monate in Wien bei seinem jüngsten Bruder, dem Ersten Hohenlohes Obersthofmeister Konstantin Hohenlohe. Er fand bei der Wiener Aristo- Verwandtekratie eine kühle Aufnahme. Man warf ihm nicht nur seine Hinneigung zuden verhaßten Preußen vor, sondern auch und vielleicht noch mehr seineFreundschaft mit Döllinger und seinen Widerstand gegen das Dogma vonder Unfehlbarkeit, auf dessen Bedeutung für die Beziehungen zwischenKirche und Staat er vor Zusammentritt des Konzils in einer berühmt ge-wordenen Zirkularnote hingewiesen hatte. Seine eigene Schwägerin, diePrinzessin Konstantin Hohenlohe , hat mir erzählt, daß er die ablehnendeHaltung der Wiener Gesellschaft gar nicht beachtete und sich so ruhig inden Wiener Salons bewegte, als wenn er von Liebe imd Verehrung umgebengewesen wäre. Eine Schwester des Fürsten Chlodwig war mit dem PrinzenKarl von Salm-Horstmar vermählt. Der war ein outrierter Pietist. Er hatteein Modell des himmlischen Jerusalem, in das er einmal einzuziehen hoifte,auf Grund der Beschreibung der Apokalypse in Papiermache anfertigenlassen und führte dieses Kunstwerk auf Reisen mit sich. Ich habe selbsterlebt, daß Fürst Chlodwig seinem Schwager, der mit seinem Modell in dasEisenbahncoupe eindringen wollte, in dem sich der Fürst mit mir befand,unwirsch den Eintritt verweigerte. Er liebte aber sehr seine SchwesterElise, die eine schöne Seele war, und ließ sich deren Ratschläge und Vor-stellungen gern gefallen. Von ihrem Bruder sprechend, sagte sie einmal zumir: „Von Chlodwig gilt der Spruch der Bergpredigt: Selig sind die Sanft-mütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Ev. Matthäi V, 5.) Diegroßen weltlichen Erfolge meines Bruders, alles, was er geworden ist, ver-dankt er letzten Endes jener Sanftmut, die, mit Geduld gepaart, alles über-windet.“ Etwas Wahres war an dieser Bemerkung. Aber außer seinerSanftmut und seiner Geduld besaß Fürst Hohenlohe auch eine imgewöhn-liche Zähigkeit, sehr viel Takt, Ruhe und Besonnenheit. Er war ein zugroßer Herr, um irgend jemand nachzulaufen, aber er brüskierte auch denGeringsten nicht und schlug niemand etwas ab. Mein Vetter Adolf Bülow,der spätere Kommandierende General erst des rheinischen, dann desbadischen Armeekorps, Militärattache in Paris , als ich dort Sekretär wurde,charakterisierte mir meinen neuen Chef mit den Worten: „Wenn du jetztstante pede zu dem alten Herrn hineingehst und ihm sagst, daß du denSchwarzen Adlerorden haben möchtest, so wird er dich nicht erstaunt an-sehen, geschweige denn herausschmeißen, sondern freundlich antworten,er werde sehen, was er in dieser Richtung tun könne. Aber andererseits ist es